Hirte und Prophet

- Das Frühjahr 1991

Hirte und Prophet

Das Frühjahr 1991

An der Osterkonferenz 1991 kam der erste persönliche Angriff gegen mich. Ich wurde nach oben in eine Besprechung unter anderem mit Steinar Bratlie und Erling Ekholt gerufen. Sie wollten Sigurd Bratlie einige Anklagen gegen mich vorlegen. Die Veranstaltung war, milde ausgedrückt, etwas verwunder­lich für mich. Erling Ekholt, dem ich jahrelang so viel geholfen hatte, wollte mich angreifen, weil es mit dem Immobilienmarkt in Oslo bergab gegangen war. Ebenfalls anwesend war mein Mitgesellschafter als eine Art Zeuge, wie es um die Firma stand. Sie konnten zwar nichts beweisen, behaupteten aber, es existiere eine andere, namentlich nicht genannte Person, die über Beweise verfüge, die eine Anklage rechtfertigen. Nach einer Weile musste ich sie bit­ten, mich zu entschuldigen, ich war nämlich gebeten worden, eine Jugend­stunde zu beginnen, die jetzt anfangen sollte, und musste gehen. Sigurd Bratlie erwiderte, dass er dann auch gehen wolle.

Auf Freitag, den 5. April 1991 wurde eine Besprechung zu Hause bei Sigurd Bratlie einberufen. Nun zeigte sich, dass der unbekannte Ankläger, auf den in der Besprechung in Brunstad hingewiesen wurde, Steinar Hansen war, der Sohn von Enok Hansen. Sigurd Bratlie wünschte, dass zusätzlich zu seiner Frau noch zwei weitere Personen als Zeugen zugegen sein sollten. Das waren dann Sverre Riksfjord und Bernt Aksel Larsen. Durch reinen Zufall hatten wir schon vorher erfahren, was Steinar Hansen als Anklage darzulegen gedachte. Es lief darauf hinaus, dass er meinte, ich sei „bis über den Schornstein ver­schuldet”, und dazu sei unser Grundstück über seinen tatsächlichen Wert hin­aus mit Grundschulden belastet. Er hatte dies nämlich im Grundbuch nachge­prüft und große Grundschulden entdeckt, die dort eingetragen waren. Vor der Zusammenkunft konnte ich die Zeugen darüber informieren, wie viele Schul­den ich tatsächlich hatte: nämlich eine bescheidene Summe. Ferner waren die Grundschulden, die Hansen als Beweis für eine große Verschuldung heran­zog, nichts anderes als leere Sicherheiten, ohne dass Verbindlichkeiten dahinter standen. Diese Eintragungen waren im Zusammenhang mit der Notwendig­keit, bei Vertragsabschlüssen Garantien zu stellen, benutzt und noch nicht wieder gelöscht worden.

Die Besprechung bei Sigurd Bratlie verlief ähnlich wie die in Brunstad. Steinar Hansen legte hart los. Er kam mit groben Anklagen und nannte mich unter anderem einen Schurken. Er wusste aber nicht, dass meine schweigen­den Zeugen Detailwissen über seine Anklagepunkte hatten. Nachdem Steinar Hansen fertig war, legten meine Zeugen die wahren Fakten dar und das Ganze fiel als lächerliches Missverständnis in sich zusammen. Sigurd Bratlie fing an, die Geduld zu verlieren, und als dann noch weitere, seither nicht genannte Dinge zur Sprache kamen, verlangte er das schriftlich. Am 8. April schrieb Steinar Hansen vier neue Anklagepunkte und überreichte sie Sigurd Bratlie. Nun zeigte es sich, dass diese Anklagepunkte hauptsächlich der Buchhaltung der Firma entstammten. Als erstes wurden Strafzettel für Falschparken prä­sentiert mit dem Vorwurf, ich hätte nicht innerhalb der ersten Fälligkeit be­zahlt, sondern die Firma mit Säumniszuschlag bezahlen lassen. Außerdem wurde behauptet, ich würde der Gemeinde zehntausend Kronen schulden – was sich ganz schnell als schon lange zurückbezahlt erwies. Die beiden letz­ten Punkte betrafen fehlende Bezahlung öffentlicher Steuern und Abgaben.

Sigurd Bratlie lud zur Besprechung am 12. April, zu der folgende Teilneh­mer kamen: Steinar Hansen, mein Mitgesellschafter Steinar Bratlie, mein Buchhalter Bent Risnes, Erling Ekholt und eine Reihe anderer, die auf irgend­eine Weise etwas mit dieser Sache zu tun hatten. Bernt Stadven sollte die Besprechung leiten und das Ganze einwickelte sich zu einer wunderlichen Sitzung. Unter anderem meinte mein Buchhalter, Sigurd Bratlie hätte verkün­digt, dass derjenige, der Geld schulde (auf jeden Fall in einer solchen Weise, wie das bei mir der Fall wäre), nicht in der Gemeinde dienen könne. Es wurde hin und her erörtert, was Sigurd Bratlie zu dieser Frage eigentlich gesagt oder gemeint hatte. Sigurd Bratlie, selbst anwesend und außerdem im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte, wusste zu deren großer Verärgerung besser Bescheid über das, was er selbst verkündigt hatte, als sie. Darüber hinaus ging es um die Frage, wie die wirtschaftliche Situation unserer Firma aussah und wie meine private. Alle waren ja gespannt, ob die Gesellschaft oder ich selbst für die Schulden der Gesellschaft aufkommen könnte oder ob sie auf einen Kon­kurs zusteuerte. Meine Widersacher meinten wohl, dass ein Konkurs definitiv als Beweis meiner Unmoral ausgelegt und mich für immer außer Gefecht setzen würde. Ich hatte schon lange vor diesem Zeitpunkt mit meinen Eltern gesprochen, die in Grefsen ein wertvolles Haus besaßen. Sie waren bereit, mit Kapital auszuhelfen, wenn dies notwendig wäre, um andere vor Verlust zu bewahren. Als ich bestätigen konnte, seit längerer Zeit Zugriff auf ausrei­chend Kapital zu haben, war die Enttäuschung bei meinen Widersachern groß. Zu diesem Zeitpunkt war die Krise in unserer Gesellschaft schon lange über­standen, und es schien, dass die Schlacht für meine Neider voll und ganz verloren war.

Die Besprechung wurde beendet, doch ich bat um ein Gespräch unter vier Augen mit Erling Ekholt. Ich wollte gerne mit ihm unsere gemeinsame Ge­schichte rekapitulieren und versuchen, ob er nicht einsehen würde, wie lä­cherlich das Ganze geworden war und wie weit er sich nun vom Evangelium entfernt hatte.

An einem der ersten Tage im Mai fuhren meine Eltern nach Horten, um Johanne und Trygve Sandvik zu besuchen. Liv Stadven war ihr einziges Kind, und Johanne war die älteste Schwester meines Vaters. Sie war 85 Jahre alt und blind, doch geistig noch überaus rege. Als meine Eltern den Raum betraten, sagte sie sofort, sie bräuchten überhaupt nichts zu erzählen, denn sie hätte in letzter Zeit einen gewaltigen Kampf in der Geisterwelt ausgefochten. Sie hatte von Liv oder Bernt Stadven keinerlei Informationen über das erhalten, was vor sich ging, aber sie hatte in ihrem Geist gespürt, dass sich etliche aufgemacht hatten, um mich anzugreifen. Nun verkündete sie, dass der Kampf vorüber sei und mir niemand etwas Böses antun könne.

Es gab keine Ruhe in Oslo und Olaf Bekkevolds Aktivitäten wurden mehr offenbar. Am Montag, den 6. Mai, wurde ich zusammen mit Olaf Bekkevold zu einer Besprechung bei Sigurd Bratlie gerufen. Hier bekam Olaf Bekkevold mitgeteilt, dass er als stellvertretender Gemeindeleiter in Oslo abgesetzt sei. Am darauf folgenden Dienstag versammelte er dann seine Leute und sie heck­ten den Plan aus, in der Versammlung am Mittwochabend mit Sigurd Bratlie in aller Öffentlichkeit abzurechnen.

Das Ironische ist, dass wir an diesem Schicksalsmittwoch mit unserer Ab­wasserleitung zu Hause die totale Krise hatten. Ich besaß ein Haus zusammen mit einer anderen Familie in der Gemeinde, doch dieser Bruder befand sich leider in Bekkevolds Gruppe. Nun stand ich also mit den Abwasserproblemen ganz alleine da und es war ganz unmöglich, dass ich zur Versammlung fahren konnte. Ein anderer Bruder kam zu mir nach Hause, um mich – fast mit Dro­hungen – aus dem Abwassergraben herauszuholen – damit ich mich im Gemeindesaal in Ryen einer noch schlimmeren Kloake stellen sollte. Ich blieb jedoch zu Hause und reparierte zur Freude meiner Familie und der des Nachbarn die Anlage.

Die Mittwochsversammlung am 8. Mai leitete Sigurd Bratlie ein, indem er gegen Afterrede sprach, doch die Leute Olaf Bekkevolds kamen rasch nach vorne ans Rednerpult. Einer nach dem anderen kam mit seinen Ausfällen ge­gen mich und Sigurd Bratlie und demonstrierte gleichzeitig seine Einigkeit mit Olaf Bekkevold. Sigurd Bratlie saß ruhig da und hörte zu, und als eine kleine Pause entstand, forderte er die Geschwister dazu auf, anlässlich dieser Sache freimütig zu sein. Olaf Bekkevold selbst kam erst etwas später zu Wort und behauptete, dass „keiner für ihn zu reden brauche, aber wenn Kåre Smith sein Treiben fortsetzen dürfe, würde die Gemeinde zerstört”.

Auf Freitag, 10. Mai, berief Sigurd Bratlie eine neue Brüderzusammenkunft in die Vogtsstraße 35 ein. Olaf Bekkevold wurde gebeten, vier Zeugen mitzu­bringen. Ferner kamen ich sowie drei weitere Brüder. In dieser Besprechung wurde die gesamte Rede von Olaf Bekkevold vom Mittwoch vorgelesen. Danach wurde auf einen bestimmten Satz hingewiesen, nämlich: „Und wie das mit seiner Firma ausgehen wird - das ist im Grunde nicht so wichtig. Es geht wohl eher um seine geistliche Situation.”

Dann bekam Olaf Bekkevold das Wort und wurde darum gebeten, darzule­gen, was an meiner geistlichen Situation so schlecht wäre. Es entstand eine lange Pause. In absoluter Stille saßen wir da und warteten, bis Olaf Bekkevold sich damit entschuldigte, dass er einen plötzlichen Blackout habe. Dann wur­de einiges über ein paar alte Anklagepunkte gesprochen. Unter anderem war ich früher von Olaf Bekkevold angeklagt worden, die Jugend zum Trinken anzuleiten. Dies sollte laut ihren Ausführungen in Australien geschehen sein – wo ich nie gewesen war. Einer der Anwesenden, ein junger Bruder, erzählte in dieser Besprechung, dass, wenn er mit Olaf Bekkevold im Flugzeug unterwegs war, dieser sowohl seinen eigenen Wein als auch den des Reisege­fährten trank.

Nach einer Weile fragte Sigurd Bratlie Olaf Bekkevold, ob er aufhören wolle afterzureden. Nach einigem Zögern bekam er das bestätigt. Sigurd Bratlie erklärte darauf, er wolle ihn wieder als stellvertretenden Gemeindeleiter ein­setzen. Bekkevold nahm meine ausgestreckte Hand an und danach hatten wir eine Gebetsstunde.

Bernt Aksel Larsen, der die ganze Zeit dabei war, fuhr Sigurd Bratlie nach der Versammlung nach Hause. Er wollte bestätigt wissen, ob Olaf Bekkevold in Sigurd Bratlies Augen wirklich ein Afterredner war. Sigurd Bratlie antwor­tete darauf mit folgender Aussage: „Ich glaube nicht, dass es für mich mög­lich ist, Olaf Bekkevold mit zuviel Güte zu zerstören.”

Die Versöhnung währte nur wenige Stunden. Wohlbehalten zu den Seinen zurückgekehrt, rief Olaf Bekkevold bei Sigurd Bratlie an und bat um eine neue klärende Versammlung, in der er dann seine Funktion als stellvertreten­der Gemeindeleiter zur Verfügung stellte. Olaf Bekkevold bekam seinen Wunsch erfüllt und Sigurd Bratlie lud zu einer neuen Brüderstunde für alle Brüder in der Gemeinde am Dienstag, den 14. Mai, ein. Dieses Mal hatte Sigurd Bratlie eine andere Strategie. Er trat ans Rednerpult und sagte, er wol­le, dass alle die für Kåre Smiths Dienst dankbar seien, nach vorne kämen und ein Lied sängen. Im Großen und Ganzen gingen alle nach vorne, ironischer­weise auch Olaf Bekkevold. Die Versammlung war für die, die über Bußgel­der und andere „Sünden” von mir reden wollten, geplatzt.

Anfang Juni reiste Sigurd Bratlie zur Konferenz nach Ohio in den USA. Mehrere meinten, Sigurd Bratlie sollte bei einer so ungeklärten Situation in der Gemeinde nicht von Oslo wegreisen. Bratlie – mit einem unerschütterli­chen Glauben daran, dass Gott das Ganze lenkt, amüsierte sich ein wenig über diejenigen, die so ungläubig waren, dass sie meinten, er sollte zuhause blei­ben. Es reisten auch mehrere andere norwegische Brüder zu dieser Konfe­renz.. Eines Morgens am Frühstückstisch wurden die Anklagen gegen mich zur Sprache gebracht. Sigurd Bratlie sah kurz von seinem Frühstück auf und sagte: „Es gibt einige Menschen, die versuchen, Kåre anzugreifen, doch sie werden nicht das Geringste finden. Das, was jetzt geschehen wird, ist das, dass Gott für die kommenden Generationen ein Beispiel setzen wird.” Es wurde still am Frühstückstisch.