Hirte und Prophet

- Ein Evangelium „frei von Geboten”

Hirte und Prophet

Ein Evangelium „frei von Geboten”

Zur Geschichte gehört auch, dass Sigurd Bratlie 1978 im Irak gefangen genommen wurde und dort fünf Monate im Gefängnis saß, nachdem er in einer christlichen Hausversammlung geredet hatte. Während Bratlies Abwe­senheit hatten Ole Kristiansen und Olaf Bekkevold eine Reihe „religiöser Lie­der” gesammelt und ein Liederbuch mit „Fisch und Vogel” in einer „seligen” Mischung herausgebracht. Dies geschah im eigenen Verlag, weil Aksel J. Smith dagegen war, so etwas herauszugeben. Als Sigurd Bratlie nach seiner Entlas­sung aus dem Gefängnis dieses Liederbuch zu Gesicht bekam, wünschte er, dass dieses in keinerlei Weise in der Gemeinde benutzt werden sollte, sondern empfahl allen, es zu verbrennen. Die Jugendkonferenz im Oktober 1989 er­öffnete Sigurd Bratlie damit, dass er zehn junge Brüder bat, etwas über ihre himmlische Berufung zu sagen. Danach bat er drei Schwestern, nach vorne zu kommen und eben aus diesem Buch ein Lied zu singen, nämlich „Ich brauche deine Fülle, oh Jesus”. Das ganze war ein Anschauungsunterricht, um den Unterschied zwischen einem Kampf des Glaubens und einem Evangelium ohne Bedingungen aufzuzeigen.

Danach zitierte Sigurd Bratlie eine Rede von Ole Kristiansen, die dieser vor vielen Jahren gehalten und dabei aus Ps. 126, 5-6 gelesen hatte, wo fol­gendes steht: „Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten. Sie gehen hin und weinen und streuen ihren Samen und kommen mit Freuden und bringen ihre Garben.” Sigurd Bratlie -mit einem „Gedächtnis wie ein Elefant” - bat nun Ole Kristiansen nach vorne zu kommen und die Rede fortzusetzen. Ole Kristiansen kam ein bisschen widerwillig nach vorne und sagte etwas davon, dass dies ja gut für ihn gewesen sei, als die Kinder klein waren und so weiter. Nach und nach wurde es an diesem Oktobertag im Jahr 1989 der ganzen Ver­sammlung offenbar, dass die Saatzeit mit Tränen für Ole Kristiansen im Lauf der Jahre eher in den Hintergrund getreten war. Sigurd Bratlie stellte klar heraus, dass es ein Kampf mit Tränen ist und immer sein wird - um zur Freude gelangen zu können. Ein anderer Punkt für Sigurd Bratlie schien auch zu sein, dass Ole Kristiansens Problem jetzt eben das Verhältnis zu seinen Kindern war. Seine eigenen Kinder hatten eine neue Lehre in sich aufgenommen, und ihr Vater hatte Probleme damit, sich von ihr zu distanzieren. Wenn Kristiansen jemals Bedarf gehabt hätte, mit Tränen zu säen, dann wäre es genau hier. Es zeigte sich später, dass dies Schicksalsstunden für ihn selbst und seine Fami­lie waren.

Im Laufe des Herbstes und Winters 1989 und 1990 hatte ich mehrere Ge­spräche mit Ole Kristiansen und seinen Söhnen. Einige Male sprachen wir alleine miteinander und andere Male gemeinsam mit Sigurd Bratlie. Ole Kristiansen hatte Vertrauen zu mir und wir hatten zahlreiche und konstruktive Gespräche. Es war ganz klar ersichtlich, dass er von seinen Kindern verwirrt worden war in Bezug auf ein richtiges Evangeliumsverständnis. Er schwank­te hin und her, unfähig, einen klaren Standpunkt für das eine und gegen das andere zu beziehen. Als ich bei einer Gelegenheit versuchte, ihm klar zu ma­chen, was nach Gottes Wort das Richtige ist, lehnte er sich an meine Schulter und sagte weinend: „Du bist so gut zu mir, Kåre!”

Ich führte auch eine ganze Reihe von Gesprächen mit Ole Kristiansens Kin­dern, um ihnen Erleuchtung und Wegweisung zu geben. In einer religiösen Versammlung hatte ich einen Prediger gehört, der ein Beispiel als Bild für die Erlösung gebrauchte. Dieses Bild benutzte ich nun als Beispiel für ein fal­sches Verständnis: „Wenn man mit dem Zug von Oslo nach Trondheim fährt, ist es im Grunde genommen egal, was man im Zug macht. Man kann schlafen, essen, laufen oder sich auf andere Weise anstrengen. Du kommst so oder so nach Trondheim, und das, was du tust, hat keinen Einfluss darauf, wie schnell du dorthin kommst.” Der Kommentar, den ich bekam, war, dass dies ein sehr gutes Beispiel dafür wäre, was die Erlösung eigentlich ist.

Ole Kristiansen wurden viele Möglichkeiten und viele Ermahnungen gege­ben. Zum Schluss entschied er sich dafür, sich dem Evangeliumsverständnis seiner Kinder anzuschließen. Im Gegensatz zu ihrem Vater wurden die Kinder nach und nach sehr grob gegen uns, und als ich das letzte Mal in einer Ver­sammlung in Drøbak war, schrien mehrere von den Kindern mir und Sigurd Bratlie Schimpfworte nach.

Ole Kristiansens Leben endete auf vielerlei Weise tragisch. Er war vor allem ein Familienvater gewesen und opferte leider seine Zukunft in der Gemeinde auf dem Altar der Kinder. Das Kristiansen-Geschlecht überhaupt, und besonders Ole, war überaus kinderlieb und ich hatte viele gute Erinnerungen an Erlebnisse mit ihnen. Sein Schicksal war für mich ein schweres Erlebnis, da ich ihn sehr lieb hatte und hart daran gearbeitet hatte, sie alle innerhalb der Gemeinde zu bewahren.

Auch Olaf Bekkevold wurde in diese Sache hineingezogen. Sigurd Bratlie hatte mehrere Reden von Ole Kristiansen ausfindig gemacht. Ein paar Jugend­liche in Oslo lernten Englisch und hörten eine alte Kassette an, auf der sowohl Ole Kristiansen als auch Olaf Bekkevold während einer Konferenz in den USA redeten. Das Besondere an dieser Kassette war, dass Ole Kristiansen schon 1983 den Geschwistern an der amerikanischen Westküste ein Evangelium ohne Gebote zu geben hatte. Nach Ole Kristiansen redete Olaf Bekkevold. Anstatt Ole Kristiansen so zu ergänzen, dass das Ganze in die richtige Richtung ge­bracht werden konnte, setzte Olaf Bekkevold mit dieser unrichtigen Verkündi­gung fort. Als Sigurd Bratlie diese Kassette zu hören bekam, war es für ihn klar, dass dies nichts anderes als eine Verwässerung im Verständnis des Evange­liums war. Bei einer Zusammenkunft mit allen Gemeindeleitern im Sommer 1990 ließ Sigurd Bratlie alle Verantwortlichen die beiden Reden hören. Danach analysierte und beurteilte Sigurd Bratlie die Reden. Am schlechtesten kam Olaf Bekkevold davon.

Am 12. September 1990 wurden Sigurd J. Bratlie und ich als Mitglieder in den Vorstand der Christlichen Gemeinde (Den Kristelige Menighet) aufgenom­men. Dies war der zentrale Vorstand der Gemeinde, der 1956 in Verbindung mit dem Kauf des Konferenzortes Brunstad eingerichtet wurde. Die ursprünglichen Vorstandsmitglieder waren Elias Aslaksen, Sigurd Bratlie und Aksel J. Smith. Nach Aslaksens Tod wurde William Gilbu ordentliches Mitglied, und nach des­sen Tod wurde Bernt Stadven in den Vorstand aufgenommen. Als Sigurd J. Bratlie und ich in den Vorstand aufgenommen wurden, erweiterte sich der Vorstand damit von drei auf fünf Mitglieder. Ich war nicht so sehr daran interessiert und meinte, dass man jemand anderes finden sollte. Aufgrund meiner weltweiten Arbeit nahm ich schon seit vielen Jahren an der Versammlung der verantwortli­chen Brüder teil und hatte mehr als genug Aufgaben zu bewältigen. Doch Sigurd Bratlie bestand darauf und schließlich willigte ich ein, in den Vorstand einzutre­ten. Dies wurde wohl von vielen so aufgefasst, dass ich auf dem Weg dahin wäre, der neue Leiter der Gemeinde zu werden.