Der Hebräerbrief
5. Kapitel
V. 13-14. „Denn wem man noch Milch geben muss, der ist unerfahren in dem Wort der Gerechtigkeit, denn er ist ein kleines Kind. Feste Speise aber ist für die Vollkommenen, die durch den Gebrauch geübte Sinne haben und Gutes und Böses unterscheiden können.“
Die Sinne müssen darin geübt werden, zwischen Gutem und Bösem zu unterscheiden. Wenn die Liebe zu Gott groß wird, dann übt man sich darin, seine Gebote zu halten. Seine Gebote sind gut, und alles, was seinen Geboten widerstreitet, ist vom Bösen. Ein kleines Kind kann keine feste Speise vertragen, sondern nur Milch. Wenn man aber der Zeit nach hätte erwachsen sein und feste Speise vertragen sollen und immer noch ein Kind ist, dann sieht das besorgniserregend aus. Und doch gibt es kaum andere unter den Christen in unserer Zeit als solche verkrüppelten Kleinkinder, obwohl sie dem Fleisch nach erwachsen genug sind, um schlecht über den Weg Gottes zu reden und vor ihm zu warnen.
Daher rührt das unaufhörliche Kreisen in der Wüste, ohne ins Land hineinzukommen, ohne in Gottes Ruhe einzugehen. Sünde und Gnade, Sünde und Gnade – darum dreht es sich das ganze Jahr über. Wenn man jeden Tag das Kreuz aufnehmen und Christus nachfolgen würde, dann würde es weniger Sünde geben und mehr von der Gnade, die nicht vergeblich arbeitet. Es würde mehr feste Speise und weniger Milch werden. Doch wer hat wohl die Gesinnung, dem Lamm zu folgen, wohin es geht? Offb. 14, 4.
6. Kapitel
V. 1-3. „Darum wollen wir jetzt lassen, was am Anfang über Christus zu lehren ist, und uns zum Vollkommenen wenden; wir wollen nicht abermals den Grund legen mit der Umkehr von den toten Werken, mit dem Glauben an Gott, mit der Lehre vom Taufen, vom Händeauflegen, von der Auferstehung der Toten und vom ewigen Gericht. Das wollen wir tun, wenn Gott es zulässt.“
Die Hebräer hätten der Zeit nach in den Anfangsgründen in Christus gefestigt sein sollen. Der Grund war gelegt in ihrem Leben, aber im Geist waren sie nicht da, wo sie sein sollten. Der Apostel wusste nicht, ob Gott ihm erlauben würde, wieder von vorne damit anzufangen, mit der hierzu gehörenden Lehre den Grund zu legen.
Es ist sonderbar, wie lange es im Leben eines Menschen dauern kann, bis er zwischen toten Werken und Werken des Glaubens unterscheiden kann. Das kommt daher, dass man ein Kind in Christus ist und nicht dazu heranwächst, das Böse vom Guten und Gottes Werke von selbsterwählten unterscheiden zu können. Sobald etwas vom Gehorsam des Glaubens erwähnt wird, glaubt man, es sei Knechtschaft, es seien tote Werke. Von so etwas muss man freigemacht sein. Und doch hat Paulus sein Apostelamt empfangen, um den Gehorsam des Glaubens unter den Heiden aufzurichten. Röm. 1, 5. Wenn das Verständnis von der Umkehr von den toten Werken und dem Glauben an Gott, von seinen Wirkungen zu Gottes Werken unklar sind, dann wird auch die Lehre vom Taufen, vom Händeauflegen, von der Auferstehung der Toten und vom ewigen Gericht unklar. Das eine hängt vom anderen ab.
V. 4-6. „Denn es ist unmöglich, die, die einmal erleuchtet worden sind und geschmeckt haben die himmlische Gabe und Anteil bekommen haben am Heiligen Geist und geschmeckt haben das gute Wort Gottes und die Kräfte der zukünftigen Welt und dann doch abgefallen sind, wieder zu erneuern zur Buße, da sie für sich selbst den Sohn Gottes abermals kreuzigen und zum Spott machen.“
Der Apostel meint hier, dass man sich in Acht nehmen soll, da es nicht so ganz sicher ist, dass Gott wieder und wieder zulässt, dass der Grund gelegt wird, wenn man selbst an seinem eigenen Rückstand schuld ist. Und wenn es soweit kommt, dass man abfällt, dann ist es nicht möglich, zur Buße erneuert zu werden. Man kommt nie in die Stellung zurück, in der man bei der ersten Bekehrung war. Hat man das gute Wort Gottes und die Kräfte der zukünftigen Welt geschmeckt und fällt dann ab und fängt an, bewusste Sünde zu tun, dann muss ja das Leben Christi, das durch Glauben im Innern herangewachsen war, abermals gekreuzigt werden. Christus wird auf diese Weise zum Spott gemacht.
V. 7-8. „Denn die Erde, die den Regen trinkt, der oft auf sie fällt, und nützliche Frucht trägt denen, die sie bebauen, empfängt Segen von Gott. Wenn sie aber Dornen und Disteln trägt, bringt sie keinen Nutzen und ist dem Fluch nahe, so dass man sie zuletzt abbrennt.“
So geht es auch dem Menschen. Gott gibt reichlich Gnade, damit wir gute Früchte tragen, die einer Bekehrung würdig sind. Wenn wir aber weiterhin schlechte Früchte tragen, dann bringen wir keinen Nutzen und sind dem Fluch nahe, und werden von dem zweiten Tod, dem feurigen Pfuhl, verzehrt: Nur dem, der überwindet, wird kein Leid geschehen von dem zweiten Tod. Offb. 2, 11.
