Gesammelte Schriften Band 4 • 1924 - 1931

Brief an Sivert Bolsønes - 1926.11.26

Gesammelte Schriften Band 4 • 1924 - 1931
Horten, 26. 11. 1926
Lieber Bruder Sivert Bolsønes,
Friede.

Danke für deinen lieben Brief, den ich neulich erhalten habe, sowie für die Grüße durch Br. Th. Ellefsen, der euch vor kurzem besuchte. Br. Madsen sagt, dass eine Konferenz in Bergen nicht passt, und Br. Kvalheim glaubt, dass es in Molde passt; ebenso sagst du ja auch, dass es bei euch in Molde passt. Ich hatte an Bergen oder Moldøen gedacht, aber nun sieht es also nach Molde aus. Gottes Weisheit geht immer vor, daher muss man in die Richtung umschwenken, wo sie zu finden ist. Jetzt sind wir so weit gelangt, dass wir wissen, dass Molde der richtige Ort ist – falls es eine Westnorwegen-Konferenz geben wird. Und das passt ja auch, weil Molde ein neutraler Ort ist, ebenso wie ja auch wir neutral sind. Die Geschwister in Ålesund haben sich ja von uns abgewandt und sich von uns verabschiedet, aber in einer Kinderstube gibt es so viele Komödien, dass ich und wir alle das als „vorübergehend“ betrachten. Im nächsten Moment ist wieder alles gut. Es stimmt, dass wir hier in Ostnorwegen ziemlich unmögliche Menschen sind, das finden wir selbst auch. Daher sind wir nicht einmal mit uns selbst einig in all diesem Verkehrten, das wir gerne loswerden wollen. Und dabei werden uns die Geschwister in Ålesund wohl behilflich sein. Vielleicht konzentriert sich deshalb alles auf Molde. Doch wenn wir jetzt nach Molde kämen und die Geschwister in Ålesund zu Hause säßen und sich ins Fäustchen lachten über unsere dumme Planung, ob wir dann nicht noch dümmer dastünden als zuvor und mit einem starken Gefühl heimfahren würden, dass die Stadt Ålesund stark befestigt und völlig uneinnehmbar sei. Was für ein Gefühl von Niederlage – das wäre ja kaum zu ertragen.

Und da unser ganzer Dienst von Anfang bis Ende nichts anderes als ein Kriegsdienst ist, denke ich daran, dass derjenige, der in den Krieg zieht, sich zuerst hinsetzen und überschlagen muss, ob die Hoffnung besteht, dass man mit einer Handvoll Leute einen übermächtigen Feind besiegen kann, der in jeder Hinsicht von Anfang bis Ende das Recht auf seiner Seite hat und mit Hiob sagen kann: „Ich bin rein, ohne Missetat.

Ich habe festgestellt, dass, wenn ich auf mich selbst Acht habe und die Einstellung habe, dass ich mich selbst als den Schuldigen sehe, ich immer ins Schwarze treffe – volle 9. Nehme ich jedoch andere ins Visier, dann werden die Treffer mal so, mal so. Ebenso habe ich bemerkt, dass Gottes Geist mich leitet, wenn ich auf mich selbst Acht habe. Nehme ich jedoch meinen Bruder und meine Schwester ins Visier, dann steht der Geist der Anklage dahinter und führt das Ganze an.

Lass uns frei von Begrenzung sein. Schiebe die Grenzmauern weit hinaus. Man soll nicht wie die Spinne im Netz sein, um die sich alles dreht. Man soll nicht wie der Papst im Vatikan sein, der von hohen Mauern umgeben ist. Mögen wir eine reine Jungfrau nicht für uns selbst heranbilden, sondern für Christus. Mögen wir nicht so Fürsorge für uns selbst haben, dass wir vergessen, dass Christus der Herr ist.

Ebenso wie die Geschwister in Ålesund sich innerhalb meiner Grenzen befinden, hoffe ich, mich innerhalb ihrer Grenzen zu befinden. Doch gibt es ja nichts Verborgenes, das nicht offenbar werden wird. Wenn es dann offenbar wird, werden die Geschwister in Ålesund in ihrem Sundmøre-Dialekt im Chor singen:

Ach, wie dumm wir doch waren!

Aber bis diese Siegesworte von Herzen gesungen werden können, bleibt wohl alles so, wie es ist. Denn, was gebunden ist, muss zuerst gelöst werden, bevor man sagen kann, dass es frei ist. Auch heute noch gibt es Löser in Israel.

Inwieweit im Sommer in Molde eine Konferenz stattfinden wird oder nicht, weiß ich jetzt noch nicht. Das kann von vielen Dingen abhängen. Aber ich will, dass du an die Geschwister in Ålesund schreibst und fragst, ob sie, sofern nichts Besonderes sie daran hindern würde, nach Molde kämen, falls dort eine Konferenz stattfände.

Im Grunde genommen kenne ich die Geschwister in Ålesund als ehrliche und aufrichtige Seelen, weshalb der Eselstritt, den sie mir nach ihrer geheimen Absprache versetzten – wobei ich keinen einzigen Verteidiger hatte, was selbst in der Welt üblich ist – mir nicht weh tut. Aber es schmerzt mich, dass ihnen das volle Verständnis und die volle Einsicht fehlten, die erforderlich sind, um klar und gerecht urteilen zu können. Darum hat ihr Urteil einen Zaun aufgerichtet, der abgerissen werden muss; und ich will mich gerne an diesem Sport beteiligen, ihn niederzureißen und zu verbrennen.

Doch dass dieser Zaun errichtet wurde, dient auch zum Besten; denn man kann durch diesen Zaun und entlang dieses Zaunes lernen, seine „eigene Begrenzung“ zu finden. Jeder hat seine „zugemessene Wirksamkeit“, seine „zugemessene Begrenzung“. Sünde gegen diese Begrenzung schafft erneut eine Begrenzung – d. h. einen Zaun, bis man innerhalb seiner Begrenzung zufrieden ist – erst dann kann man für frei erklärt werden.

Es ist der reine Wahnsinn, von sich zu glauben, über alles Bescheid zu wissen, was in der Welt des Geistes geschieht. Wie viel törichter ist es dann, sich so gekränkt zu fühlen, dass man einen Zaun braucht, um daran Halt zu suchen. Lass jeglichen Halt und jede Vertäuung fahren! Mache die Taue los!!! Fleisch ist Fleisch, ob es sich bei den Leitern befindet oder bei dem, der Wegleitung empfängt. Niemand von uns ist vom Himmel gefallen mit päpstlichen Dokumenten über Heiligkeit und Unfehlbarkeit in der Tasche. Wir sind nicht das, was wir uns einbilden zu sein, sondern wir sind das, was wir sind. Darum sagt der Herr über sich selbst: Ich bin. Und daraus muss jeder so viel Nutzen ziehen, wie er nur kann; denn der Herr ist noch immer: Ich bin.

Wenn du von den lieben Geschwistern aus Ålesund Antwort bekommst, dann schreibe mir bitte. Denn wenn die Geschwister aus Ålesund nicht teilnehmen wollen, dann ist sicher, dass keine Konferenz in Molde stattfinden wird. Jetzt wird der Zaun auf die Probe gestellt. Möge er fallen! Ja, siehe da, er fällt. Halleluja! Mit meinem Gott springe ich über diese Mauer.

Liebe Grüße nach Ålesund. Nimm dich um Br. Løvfald an.

Grüße an euch alle mit Jesaja 6, 3.

Dein allezeit in Christi Liebe verbleibender Bruder

J. O. Smith

Die Konferenz müsste evtl. in den Sommerferien sein – im Juli.

Lies 2. Tim. 3, 1-5.