Glaube und Verstand
Viele innere Konflikte unter Gottes Volk wären vermeidbar, wenn wir zwischen einem Wandel im Glauben und einem Wandel nach dem Verstand unterscheiden könnten.
„Durch den Glauben opferte Abraham den Isaak, als er versucht wurde, und gab den einzigen Sohn dahin, als er schon die Verheißung empfangen hatte.“ Hebr. 11, 17.
Abraham wurde damals versucht, als er seinen Sohn opferte. Der Verstand plagte ihn; denn es war ja dieser Isaak, der zu einem Volk wie der Sand am Meer und wie die Sterne des Himmels werden sollte, und nun sollte er geopfert werden. Wenn Abraham nun herumgelaufen wäre und sich mit Fleisch und Blut beraten hätte, d. h. mit Menschen, die nach dem Verstand urteilen, dann wäre ihm sicherlich all sein Glaube genommen worden und Isaak wäre nicht geopfert worden. Aber nun behielt Abraham die Sache für sich und setzte seinen Glauben in Werke um.
Es besteht immer ein Konflikt zwischen Verstand und Glauben. Wenn man in der Gemeinde in die eine oder andere Richtung handeln soll, dann verfechten der Verstand und der Verstandesmensch das eine und der Glaube und der Glaubensmensch das andere. Doch immer geht es in die Richtung, dass der Glaube über den Verstand siegt. Daher sagt die Schrift: „Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.“ Was ist also zu tun? Wir müssen in jeder Sache, bevor wir etwas behaupten und verfechten, uns selbst prüfen, ob wir im Glauben sind oder ob wir nur unseren Verstand gebrauchen, ohne im Glauben zu sein. Gideon, Barak, Simson, Jeftah, David, Samuel und die Propheten haben durch den Glauben Königsreiche bezwungen, Gerechtigkeit geübt, Verheißungen erlangt, Löwen den Rachen gestopft, des Feuers Kraft ausgelöscht, sind aus der Schwachheit zu Kräften gekommen, sind stark geworden im Kampf und haben fremde Heere in die Flucht geschlagen.
Elisabeth sagt von Maria: „Und selig bist du, die du geglaubt hast! Denn es wird vollendet werden, was dir gesagt ist von dem Herrn.“ Lk. 1, 45.
Wer im Glauben wandelt, wandelt in der Finsternis des Verstandes. Wenn aber die Werke durch den Glauben ausgeführt sind, dann wird der Verstand erleuchtet. Der Glaube eignet sich den Verstand Gottes an und setzt den eigenen Verstand zur Seite. Doch sollten wir beachten, dass man nicht unverständig sein kann und nicht unterlassen kann, nach dem Verstand zu wandeln, solange der Glaube nicht lebendig ist. Aber in dem Augenblick, in dem sich der Glaube meldet, wird der Verstand nur eine Versuchung für uns, wie er es für Abraham wurde. Was ist also in einer Gemeinde zu tun, wo sowohl der Verstand als auch der Glaube herrschen wollen? Ja, es entsteht Krieg, doch hier haben wir das Wort Gottes dafür, dass wir den guten Kampf des Glaubens kämpfen sollen. Diesem Kampf sollen wir uns nicht aus purer Bescheidenheit vor dem Verstand entziehen, denn wir haben Verheißungen dafür, dass wir durch den Glauben siegen und nicht durch unseren Verstand.
Durch den Verstand hätte George Müller nicht viele tausend Kinder versorgen können, aber durch den Glauben konnte er es schaffen.
Der Herr hat gesagt, er wolle im Dunkel wohnen. Was für ein Dunkel? Im Dunkel des Verstandes. Erst wenn unser Licht wie das Dunkel wird, kann das Licht des Herrn für uns scheinen. Als die Herrlichkeit Ägyptens und die Herrlichkeit des Hofes für Mose wie Dunkel wurden, weigerte er sich mit Freude, ein Sohn der Tochter des Pharaos zu heißen. Das war Glaube. Sara sah auf ihren erstorbenen Leib, und ihr Verstand wurde wie das Dunkel, aber in dieser Finsternis schien das Licht des Glaubens für sie. Maria wusste von keinem Mann, und trotzdem sollte sie einen Sohn zur Welt bringen. Ihr Verstand stand still, er wurde wie das Dunkel, doch der Herr wohnte in diesem Dunkel.
Sei darum, liebe Seele, nicht vorschnell mit den Behauptungen deines Verstandes; denn wer glaubt, eilt nicht. Wer den Glauben sucht, wartet auf den Herrn und handelt nicht sofort nach dem Verstand. Die Brüder Jesu gaben ihm den Rat, nach Jerusalem zum Fest hinauf zu gehen. Doch Jesus sagte zu ihnen: Geht ihr hinauf zum Fest! Eure Zeit ist allewege, aber meine Zeit ist noch nicht da. Sie wandelten nach ihrem Verstand, und der war allezeit bereit, das zu sagen, was in ihren Augen recht war. Jesus dagegen wandelte im Glauben, und seine Stunde fiel nicht immer mit der Stunde des Verstandes zusammen.
Dieses muss gründlich praktiziert werden, damit man es verstehen kann. Darum ist Gott treu, wenn er den Kindern des Glaubens die Verheißungen Abrahams zum Eigentum gibt. Dies ist Isaak, dessen Mutter Sara das Jerusalem droben ist. Die Kinder des Verstandes stammen von Ismael ab, dessen Mutter Hagar das Jerusalem hier unten ist. Man darf sich daher nicht darüber wundern, dass die Kinder des Verstandes die Kinder des Glaubens verfolgen und dass Ismael mit Isaak um das Eigentumsrecht für das gelobte Land streitet. Doch was sagt die Schrift? Der Sohn der Magd soll nicht erben mit dem Sohn der Freien. D. h. diejenigen, die mehr auf ihren menschlichen Verstand als auf den Verstand Gottes vertrauen, werden nicht erben. Aber diejenigen, die durch Glauben den Verstand Gottes suchen und ihren eigenen beiseiteschieben, werden erben.
Hier in der Welt leben hauptsächlich zwei Arten von Christen. Das sind die Verstandeschristen und die Glaubenschristen. Ismael und Isaak. Zu welchen von diesen zählst du dein Christentum? Bist du sehr vernünftig? Weißt du immer, was richtig ist? Oder gehörst du zu denen, die immer zweifeln, aber nicht verzweifeln, die immer warten und Ausschau halten, bis der Glaube das Unsichtbare ergreift?
Es sieht beeindruckend und ehrenvoll aus, jederzeit über alles Mögliche gut Bescheid zu wissen. Der Mann des Glaubens aber muss auf den Herrn harren. Später, wenn die Finsternis groß genug geworden ist, kann er das Licht Gottes in der Sache erfassen. Das geschieht, damit das Wort der Schrift wahr wird:
Gott lässt seine Ehre keinem andern, und ohne mich könnt ihr nichts tun.
