Gnadenwerk der Heiligung
Wie man sich doch damit abgibt, die Schriften auszulegen, ohne Offenbarung des Geistes zu haben. In dem Licht, das Finsternis ist, glaubt man von sich, Licht zu sein und Licht verbreiten zu können. Welch ein Betrug! Kürzlich las ich etwas in einem neuen Buch, das „Gnadenwerk der Heiligung“ heißt. Unten auf S. 122 stand: „Jede Rebe an mir“, sagt Jesus, „die keine Frucht bringt, wird er reinigen, damit sie mehr Frucht bringe.“ Joh. 15, 2.
In der Bibel steht dort: „Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, wird er wegnehmen, und eine jede, die Frucht bringt, wird er reinigen, dass sie mehr Frucht bringe.“
Wenn man nun ein neues Buch über Heiligung herausgibt, und wahrscheinlich einige Male markiert und Korrektur liest, dann ist es merkwürdig, dass man einen so großen Fehler wie diesen nicht sieht: „Jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, die reinigt er, damit sie mehr Frucht bringe.“
Wenn die Rebe keine Frucht bringt, kann wohl kaum davon die Rede sein, mehr Frucht zu bringen. Wenn ein Mensch mit dem Geist getauft ist, um ein Leib mit Christus zu sein, aber in seiner Gottesfurcht lasch und gleichgültig ist, sodass er sich nicht im Glauben, in der Liebe, in der Geduld usw. übt, sondern nur an irdische Dinge und an sein eigenes Wohlergehen nach dem Fleisch denkt, sollte Gott dann eine solche Rebe reinigen? Nein, hier kann etwas nicht stimmen. Der Verfasser hat sich hier einen Schnitzer geleistet, ohne weiter darüber nachzudenken, denn das streitet nicht nur gegen den Geist in der Schriftstelle, sondern auch gegen den Buchstaben.
Doch auf S. 12 steht dann etwas, was absolut ein Verständnisfehler sein muss. Dass man es nicht anders versteht, ist verständlich und kann vergeben werden. Wenn man aber ein Lehrbuch über Heiligung schreibt und dabei die Schrift falsch auslegt, dann ist das zu beanstanden.
Im Buch heißt es: „Aber sollte er (Jesus) sich einen Augenblick zurückziehen, sodass wir außerhalb der Gnade – außerhalb der Versöhnung – kämen, dann würden wir unbeschützt dastehen, schwach und untauglich wie der Mann in Röm. 7, 14-24, der fleischlich war, unter die Sünde verkauft, der wohl den Willen zum Guten hatte, es aber nicht vermochte, sondern leider das Böse tat, das er nicht wollte und zu guter Letzt in einem Ruf der Verzweiflung zusammensank: Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von diesem todverfallenen Leibe? Dass dies nur ein gedachtes Verhältnis war, das Paulus zwar durchlebt hatte, in dem er sich aber zu der Zeit, als er das schrieb, nicht befand, versteht sich von selbst, denn er beantwortet diesen Ruf: ‚Wer?‘ mit ‚Dank sei Gott durch Jesus Christus, unsern Herrn!‘“
In der Bibel steht es ganz anders. Es steht nämlich so: „Denn ich habe Lust an Gottes Gesetz nach dem inwendigen Menschen.“ Röm. 7, 22. Der Mann in Röm. 7 hatte also einen inwendigen Menschen, der sogar Lust hatte an Gottes Gesetz. Aber „das neue Buch“ sagt, dass sich der Mann in Röm. 7 unbeschützt, außerhalb der Gnade und außerhalb der Versöhnung befand. Ob der inwendige Mensch wohl ohne Gnade und ohne Versöhnung entstanden war? In Röm. 7, 23 heißt es: „Ich sehe aber ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, das widerstreitet dem Gesetz in meinem Gemüt und hält mich gefangen im Gesetz der Sünde, das in meinen Gliedern ist.“
Wer auf der ganzen Erde hat nicht das Gesetz der Sünde in seinen Gliedern? Hört man nicht oft genug, dass geistesgetaufte Menschen in Hurerei fallen? Ob es nicht das Gesetz der Sünde in den Gliedern ist, das sich außerordentlich geltend macht, sodass sogar die Gesinnung davon mitgerissen wird? Schreibt nicht auch Jakobus an das Volk Gottes in der Zerstreuung: „Woher kommen die Kämpfe und die Streitigkeiten unter euch? Kommen sie nicht von den Lüsten, die in euren Gliedern streiten?“
Wir sehen also, dass das andere Gesetz in den Gliedern sehr oft Gottes Volk gefangennahm und es zwang, Dinge zu tun, die gegen das Gesetz des Geistes stritten. Dies war auch bei den Korinthern der Fall. O nein, Paulus phantasiert wohl nicht über ein gedachtes Verhältnis. Er schreibt nur von Realitäten, aber es bedarf eines wahrheitsliebenden Sinnes, um einzuräumen, dass das zutrifft. Geistestaufe und Zungenrede hatten Paulus nicht seines gesunden Menschenverstandes beraubt, sodass er sich im Rausch in gedachte Verhältnisse hineinphantasiert hätte. Nein, er sah und erkannte ein anderes Gesetz in seinen Gliedern. Wenn wir zum Beispiel in Liebe, in Geduld, in Freigiebigkeit usw. wachsen sollen, dann muss es ja vieles in uns geben, das weggereinigt werden muss. Nimm z. B. Liebe. Könnte man nicht mehr Liebe erweisen? Wird man nicht hin und wieder von der Lieblosigkeit, von der Ungeduld und von zu wenig Freigiebigkeit gefangengenommen? Nach dem inwendigen Menschen hat man Lust zum Guten, aber das andere Gesetz zwingt den Menschen sehr oft, das zu tun, was man nach seinem erleuchteten Sinn hasst. Für einen erleuchteten Menschen dürfte dies nicht schwierig zu verstehen sein.
Dann ruft Paulus in Röm. 7, 24 aus: „Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von diesem todverfallenen Leibe?“
Was ist denn dieser „todverfallene Leib“? Das ist natürlich der Leib, der sterben bzw. bei der Wiederkunft Jesu verwandelt werden wird. Falls du noch im Zweifel bist, dann nimm eine Stecknadel und steche dich irgendwo in den Körper, dann findest du den „todverfallenen Leib“.
Solange sich der Apostel also im Leib befand, war auch das andere Gesetz in diesem Leib. Das ist wohl nicht schwierig zu sehen. Es ist nur ein bisschen Liebe zur Wahrheit und ein wenig guter Wille nötig, und man sieht das andere Gesetz in den Gliedern bei sich selbst, bei seiner Frau und seinen Kindern, auch wenn sie noch so geisterfüllt sind. Wir haben ein Fleisch, das gegen den Geist aufbegehrt. Daher gibt es auch diese unzähligen Parteiungen unter den Christen. Es wäre daher für uns alle gut, diesen todverfallenen Leib loszuwerden. Lasst uns nicht sagen, dass der Apostel das nur ausgedacht hat.
Ferner schreibt der Verfasser von „Gnadenwerk der Heiligung“: „Er antwortet auf diesen Ruf: „Wer?“ mit „Dank sei Gott durch Jesus Christus, unsern Herrn.“
Nein, und nochmals nein, das stimmt nicht, denn Röm. 7, 24-25 lautet so:
„Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von diesem todverfallenen Leibe?
Dank sei Gott durch Jesus Christus, unsern Herrn! So diene ich nun mit dem Gemüt dem Gesetz Gottes, aber mit dem Fleisch dem Gesetz der Sünde.“
In dieser Verbindung ist es weit hergeholt, zu sagen, dass Jesus Christus mich von diesem todverfallenen Leibe befreien wird. Im Gegenteil, der Apostel dankt Gott durch Jesus Christus, unsern Herrn, dafür, dass – wenn es nicht anders sein kann – er mit seinem Sinn dem Gesetz Gottes dienen darf und mit seinem Fleisch dem Gesetz der Sünde.
Ich habe nie gelesen oder gehört, dass man dem Gesetz Gottes mit seinem Fleisch dienen kann. Ich weiß nicht, ob der Verfasser des Buches „Gnadenwerk der Heiligung“ das fertigbringen kann? Aber doch: ich weiß, dass er das nicht schafft, denn im Fleisch wohnt nichts Gutes. Röm. 7, 18. Dass sich aber das Fleisch bemerkbar macht, ersehen wir klar aus Röm. 8, 13, wo man durch den Geist die Werke des Leibes töten soll, um leben zu können. Das müssen ja Menschen mit Gottes Geist in ihrem Herzen sein, die die Werke des Leibes durch den Geist töten können. Werke aber, die getötet werden sollen, müssen ja notwendigerweise vom Fleisch kommen. Das sollte man wissen, wenn man Bücher über Heiligung schreibt. Für die offenbaren Werke des Fleisches ist man gekreuzigt, Gal. 5, 19, aber die unbewussten Werke des Leibes machen sich weiterhin geltend. Daher auch diese unzähligen Ermahnungen. Ich bezweifle nicht, dass der Verfasser von „Gnadenwerk der Heiligung“ versucht, so gut er den Umständen entsprechend kann, dem Gesetz Gottes mit seiner Gesinnung zu dienen. Ich bin aber ebenso sicher, dass er dem Gesetz der Sünde mit seinem Fleisch dient. Das sehen wir ja auch daran, dass er sich damit befasst, Schriftstellen in Röm. 7 zu erklären, über die er in keiner Weise das Licht des Geistes hat. Er gibt daher auf eine fleischliche Weise Erklärungen ab und dient dem Gesetz der Sünde mit seinem Fleisch; denn er geht über sein Licht und sein Maß hinaus und nimmt seine menschliche unerleuchtete Vernunft zur Hilfe. Aber das taugt nicht!
In „Gnadenwerk der Heiligung“ ist auch viel geschrieben, was wahr und gut ist, aber dadurch werden die Fehler nicht berichtigt.
Solange der Apostel sich im todverfallenen Leib befand, dem Leib, der sterben wird, begleitete ihn das andere Gesetz in den Gliedern. Und das tut es bei uns allen. Nur sollen wir mit unserer erleuchteten Gesinnung nicht dem Gesetz der Sünde, sondern dem Gesetz Gottes dienen. Dies ist die Freimachung von dem Gesetz der Sünde und des Todes, das in Röm. 8, 2 erwähnt ist.
Wenn wir Röm. 7 lesen, dann lesen wir nicht von einer theoretischen Situation, sondern von Realitäten, die nur diejenigen verstehen, die die Wahrheit lieben, selbst wenn es die eigene Schlechtigkeit betrifft. Doch auch dies ist verborgen für die, die weise und verständig sein wollen und von sich selbst meinen, dass sie etwas verstehen.
Nur diese wenigen Worte diesmal über das für den öffentlichen Gebrauch herausgegebene neue Buch „Gnadenwerk der Heiligung“.
