Gesammelte Schriften Band 4 • 1924 - 1931

Skjulte Skatter 1928-03 - Der alte Mensch

Gesammelte Schriften Band 4 • 1924 - 1931

Der alte Mensch

„Wir wissen ja, dass unser alter Mensch mit ihm gekreuzigt ist.“ Röm. 6, 6.

Durch Glauben wusste der Apostel dies. Wenn wir an Sündenvergebung glauben, dann haben wir Vergebung, und wenn wir glauben, dass der alte Mensch mit ihm gekreuzigt wurde, dann glauben wir nicht mehr, als wir glauben sollen. Wenn der alte Mensch sich unterhalb des Kreuzes bewegt, dann tut er dies in Unglauben und Selbstzufriedenheit. Man hält mehr von sich selbst, als Gott von einem hält. Aus demselben Grund kann der alte Mensch eine Gemeinde organisieren, den Zehnten nehmen und die ganze Versammlung zu seinem eigenen Vorteil so unterdrücken, dass diese unwissend bleibt. Der alte Mensch kann wie der ärgste Katholik und wie der eifrigste Protestant auftreten. Er kann Zeugnis geben, beten, Versammlungen jeglicher Art leiten – ja, sogar Allianzversammlungen. Der alte Mensch kann alle geistlichen Stellungen bekleiden: vom Bischof bis zum Küster, Laienprediger und Prediger. Er kann alle möglichen Arten von Verkündigung ertragen, wenn er nur nicht von seiner eigenen Kreuzigung hören muss. Das Wort vom Kreuz weckt seinen wohl begründeten Zorn. Und trotzdem gehört er dorthin. Er ist verflucht am Fluchholz. Was auch immer – nur nicht das Kreuz! Er liebt die Rede über Freiheit und dass Jesus alles getan hat, sodass er frei ausgehen kann. Jesus litt und wurde geprüft statt mir, meint der alte Mensch. Deshalb hört er gerne von den Herrlichkeiten des tausendjährigen Reichs, von der Befreiung von Kreuz und Trübsalen und von Verheißungen ohne Bedingungen. Er zählt Verheißungen auf und verschweigt Bedingungen und Ermahnungen. Er fühlt sich bei jeder religiösen Wirksamkeit überaus wohl, und er nimmt jedes mögliche Amt an – am liebsten das Angesehenste. Er schwelgt in der Kollekte und dem Zehnten armer Leute und verschlingt gierig Spenden aller Art. Er behält die Verkündiger des Kreuzes im Auge wie der Mörder den Bluträcher und versucht, durch den Schein der Gottesfurcht ohne Kraft sein eigenes Leben zu erhalten. Er ist eifrig damit beschäftigt, Mitglieder einzuschreiben oder ärgerlich auf die zu blicken, die dasselbe tun. Er verbeugt sich tief vor Reichtum, Ansehen der Person und Ehre und übersieht die Armut und die Sache des Geringen. Er reist und genießt, isst und trinkt, und ist immer auf der Suche nach seinesgleichen. Er präsentiert sich gut nach dem Fleisch und bewundert jeden Beitrag in dieser Richtung. Wenn er richtig Glück hat und eine religiöse Spitzenposition als Leiter oder Begründer einer wohltätigen Wirksamkeit erreicht, entfaltet er eine beispiellose Fähigkeit, Geld zusammenzubringen. Ja, er predigt so, dass jeder zu der Auffassung kommen muss, dass wahre Gottesfurcht eine Frage des Geldes ist.

Weit gefehlt! Lasst uns den alten Menschen ans Kreuz bekommen, dann werden wir auch freigemacht von seinen anhimmelnden, fromm aufblickenden Augen, von der Geldbettelei und dem ganzen Unwesen. Es war der alte Mensch, der die Propheten verfolgte und tötete, ja, der aus Neid sogar den Herrn der Herrlichkeit kreuzigte. Es war der alte Mensch, der sagte: „Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Fegefeuer springt.“ Derselbe Geist beherrscht auch heute den alten Menschen, nur hat dieser andere Methoden für die Geldeinsammlungen gewählt. Petrus hatte weder Gold noch Silber, aber er hatte Kraft von Gott. Der Meister selbst hatte nichts, wo er sein Haupt hinlegen konnte. Aber der alte Mensch ruht in Elfenbeinbetten, dichtet Lieder wie David und möchte gerne Heldentaten vollbringen. Ans Kreuz mit ihm – dann ist Schluss mit all seinen Untaten!

„Es sei aber fern von mir, mich zu rühmen als allein des Kreuzes unseres Herrn Jesus Christus, durch den mir die Welt gekreuzigt ist und ich der Welt. Denn in Christus Jesus gilt weder Beschneidung noch Unbeschnittensein etwas, sondern eine neue Kreatur.

Und alle, die sich nach diesem Maßstab richten – Friede und Barmherzigkeit über sie und über das Israel Gottes!“ Gal. 6, 14-16.