Seele und Geist
Der geistliche Mensch ist „erwachsen“ in Christus
Der geistliche Mensch wird vom Apostel also als „erwachsen“ in Christus beschrieben, und im 1. Brief an die Korinther haben wir einen starken Gegensatz zwischen dem geistlichen und dem fleischlichen Gläubigen. Carnale – fleischliche Gläubige können nur mit „Milch“ ernährt werden, das Einfachste im Evangelium, während der „erwachsene“ oder „geistliche“ Mensch die „tieferen Dinge in Gott“ erfassen kann; Dinge, die nicht einmal mit Worten, wie sie menschliche Weisheit lehrt, beschrieben werden können, sondern mit Worten, die der Heilige Geist lehrt, indem geistliche Dinge (Dinge, die ebenso natürlich sind wie materielle Dinge auf der Erde) von geistlichen Menschen mit geistlichen Worten erklärt werden. 1. Kor. 2, 10.13.
Der Apostel sagt deutlich, dass der „seelische“ Mensch die „geistlichen Dinge“ nicht vernehmen kann, genauso wenig, wie die fleischlichen „kleinen Kinder in Christus“ (1. Kor. 2, 14); denn für den seelischen Verstand und die seelische Weisheit scheinen geistliche Dinge nichts anderes als Torheit zu sein. Nur geistliche Menschen können geistliche Dinge unterscheiden und prüfen, genauso wie man materielle Dinge prüft. Der geistliche Mensch prüft alle Dinge, denn er ist durch den Geist imstande, bis zum Ursprung und zu den Motiven aller Dinge hindurch zu dringen, und er wird durch den Schleier der Sinne hindurchschauen zu den geistlichen Wirklichkeiten, die hinter allen Dingen liegen. Dagegen kann der seelische Mensch nichts anderes als seinen natürlichen Verstand gebrauchen. Er kann nicht weiter vordringen als es ihm der Verstand ermöglicht, und er wird aus diesem Grund alles innerhalb der „natürlichen“ Sphäre beurteilen und kann nicht weiter vorankommen.
Der geistliche Mann ist reif im Verständnis, schreibt der Apostel, und wenn wir alle Hinweise des Apostels über den „geistlichen“ und „erwachsenen“ Mann genau untersuchen, dann werden wir herausfinden, dass die Teilung (Scheidung) zwischen Seele und Geist bei den Gläubigen die Bedingung dafür ist, die Stufe zu erreichen, wo man „geistlich“ oder „erwachsen“ genannt werden kann. Denn das „vollreife“ Stadium ist immer wieder mit Erkenntnis, Lehre und dem, dass man geistliche Dinge unterscheiden kann, verbunden. All dies hat mit der Seele zu tun, die eine Reinigung des Seelenlebens braucht, sodass der Verstand oder der mentale Teil dazu kommen, geistliche Weisheit zu vernehmen, was eines der Kennzeichen eines geistlichen Menschen ist.
Wir reden Weisheit unter den „Gereiften“. 1. Kor. 2, 6. Seid nicht Kinder, wenn es ums Verstehen geht; sondern im Verstehen seid vollkommen. 1. Kor. 14, 20. „Wir lehren alle Menschen in aller Weisheit, damit wir einen jeden Menschen in Christus vollkommen machen“ (dasselbe griechische Wort wird in Kol. 1, 28 für vollkommen oder erwachsen verwendet). „Feste Speise aber ist für die Vollkommenen, die durch den Gebrauch geübte Sinne haben und […] unterscheiden können.“ Hebr. 5, 14. „Wie viele nun von uns vollkommen (dasselbe griechische Wort wie „erwachsen“ in 1. Kor. 2, 6) sind, die lasst uns so gesinnt sein.“ (Phil. 3, 15) Oder „reif im Verständnis“, „vollkommen“ im Gegensatz zu „Kindern“, schreibt der Apostel. Für die Kolosser betet er, dass sie „erfüllt werden mit der Erkenntnis seines Willens in aller geistlichen Weisheit und Einsicht.“ Kol. 1, 9. Und es ist der „geistliche“ Mann, der gebeten wird, dem Bruder zu helfen, der von der Sünde überlistet wurde; denn nur er kann himmlische Weisheit ausüben, die zusammen mit vollkommener Treue erforderlich ist, um die Sünde vom göttlichen Standpunkt aus auszusondern, indem er den in die Irre gegangenen Bruder innig liebt.
Weiter schreibt der Apostel an die Epheser: „Bis wir alle hingelangen zur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes, zum vollendeten Mann, zum vollen Maß der Fülle Christi.“ Eph. 4, 13.
Einheit im Glauben, die Christi Leib auf der Erde in seiner vollen Gestalt charakterisieren sollte, kann erst offenbart werden, wenn jedes individuelle Glied ein Stadium der vollen Reife erlangt und sie geistliche Menschen werden. Und diese Glieder wiederum können erst „geistlich“ werden, wenn sie die Scheidung zwischen Seele und Geist ergreifen, sodass der Geist ganz und gar mit dem auferstandenen Christus Jesus vereint wird und das Gefäß der Seele mit seinem Verstand und anderen intellektuellen Eigenschaften vom Geist gefüllt und geleitet wird, von einer gottesbewussten Sphäre und nicht von einem niedrigeren Leben des ersten Adams.
Der geistliche Mensch ist „perfekt gemacht in der Liebe“
Das Wort „perfekt“ oder „komplett“, das in 1. Kor. 2, 6 „erwachsen“ bedeutet, ist bei Paulus meistens mit Gesinnung oder Erkenntnis vereint, während es beim Apostel Johannes in Verbindung mit Liebe erwähnt ist. Er redet von den Gläubigen, die „perfekt gemacht sind in der Liebe“ (1. Joh. 4, 18) und beschreibt, wie die perfekte Liebe die Furcht austreibt und wie sie „Freimütigkeit am Tage des Gerichtes“ gibt. Die Briefe des Johannes zeigen daher, dass der „geistliche“ Mann jemand ist, bei dem die Ergebenheit der Seele mit der Liebe Gottes erfüllt ist, und zwar so vollkommen erfüllt, dass die Liebe wieder aus ihm hervorströmt. Gott wohnt in uns und seine Liebe ist vollkommen in uns geworden, schreibt der Apostel. D. h., dass das Gefäß der Seele so ganz mit göttlicher Liebe erfüllt ist, dass es nach seinem Maß und Vermögen, diese in sich aufzunehmen, „komplett“ mit der Liebe Gottes erfüllt ist, und in dieser Fülle der Liebe gibt es keinen Platz oder Raum für das, was man „Furcht“ nennen kann.
Aber die Ausdrucksweise des Johannes bedeutet mehr, als dass die göttliche Liebe, die im Gläubigen wohnt, das Gefäß der Seele durchströmen kann. Er beschreibt bei einem geistlichen Mann ein wirkliches Leben im Geist und was damit gemeint ist, in einer gottesbewussten Sphäre zu leben und zu wandeln. „Gott ist Liebe“, schreibt er, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott. 1. Joh. 4, 16. Der „geistliche Mann“, der in der Liebe des Geistes lebt und wandelt, ist also jemand, der „in Gott bleibt“. Wenn „Furcht“ oder „Hass“ hineinkommen, dann ist er in die Sphäre der Seele hinabgestiegen und hat durch einen Angriff böser Geister einem Element des tierischen Seelenlebens oder etwas Ähnlichem erlaubt, wirksam zu werden. Er hat auf diese Weise die Zusammenarbeit mit Gott in seinem Geist verloren. Um wieder eine göttliche Verbindung aufrichten zu können, muss er sofort ans Kreuz gehen und das seelische Element dessen strengen Forderungen unterwerfen. Wenn das Vergehen Sünde genannt werden kann, muss er um Reinigung im Blut gemäß 1. Joh. 1, 7 bitten und gleichzeitig der Macht der Finsternis widerstehen und wieder „Gottes volle Rüstung“ anziehen, um in dieser siegen zu können.
Der geistliche Mann ist „eins gemacht“ mit allen Gläubigen
Der „geistliche Mann“ ist eins gemacht im Geist mit anderen in Christus. Das Wort „perfekt“, das in 1. Kor. 2, 6 verwendet wird, wird auch von unserem Herrn Jesus in seinem hohepriesterlichen Gebet verwendet, um die Einheit zu beschreiben, die unter seinen Jüngern herrschen soll. Das lag wie eine Bürde auf seinem Herzen schon von der Stunde an, als er sein Angesicht nach Jerusalem richtete, um dorthin zu gehen, und am Kreuz eine solche Einheit möglich zu machen. „Gleichwie du, Vater, in mir und ich in dir; auf dass auch sie in uns eins seien. […] Ich in ihnen und du in mir, damit sie zu vollendeter Einheit gelangen.“ Joh. 17, 21-23. Diese vollkommene Einheit, die zwischen dem Vater und dem Sohn besteht – die reine, vollkommene Einheit, Geist mit Geist – ist die Einheit des Gläubigen, des einen mit dem andern in Gott. Die Aussage des Herrn in dieser Hinsicht kann man nicht missverstehen. Er sagt: „Auf dass sie eins seien, wie wir eins sind.“ Das bedeutet wiederum, dass der Vater und der Sohn durch den Heiligen Geist in perfekter – oder kompletter – Einheit im Geist des Gläubigen wohnen. Und hiermit ist notwendigerweise wieder dieselbe Einheit im Geist mit anderen Gläubigen gemeint. Der „geistliche“ Mann ist darum nicht nur eins mit Christus in Gott, der Liebe ist, sondern er findet dieselbe Einheit durch denselben Gott auch in anderen wohnend. Daher kann er nicht voll und ganz in Gott sein, wenn er in irgendeinem Maß zulässt, dass das tierische Seelenleben herrscht, das in Spaltungen, Parteiungen und Parteiischsein zum Vorschein kommt. Jak. 3, 17 und Gal. 5, 20.
Der geistliche Mann „wandelt im Licht“
Vom „geistlichen Mann“ schreibt der Apostel Johannes: „Wenn wir aber im Licht wandeln, wie er im Licht ist, so haben wir Gemeinschaft untereinander, und das Blut Jesu, seines Sohnes, macht uns rein von aller Sünde.“ 1. Joh. 1, 7. Nur derjenige, der in einer gottesbewussten Sphäre lebt, wo Gott in seinem Geist wohnt, kann im Licht wandeln. Ein Abstieg in die Sphäre der Seele und in das verfinsterte Gefäß wird das Licht verdunkeln.
Der Gläubige, der in Gott bleibt, der das Licht ist, lebt und wandelt im Licht, und in diesem Licht hat er Gemeinschaft mit Gott und findet Gemeinschaft mit anderen Menschen, die in demselben Licht wandeln. Während dieses Wandelns wird alle unbekannte Sünde, die durch das Licht des Gerichts, in dem wir wandeln, vor unser Bewusstsein kommt, gerichtet werden und Jesu Blut reinigt auf diese Weise von aller Sünde.
Gott ist Licht und es gibt nicht die geringste Finsternis in ihm. Zu lieben bedeutet, in der Liebe und im Licht zu bleiben. Dies ist das Auferstehungsleben oder das verborgene Leben mit Christus in Gott, das der Apostel Paulus beschreibt. Jesus erwähnte dies in seinen Abschiedsworten an die Jünger im Saal in Jerusalem, und es wurde an Pfingsten in eine wirkliche Erfahrung umgesetzt, als Jesus verherrlicht war und seinen Geist sandte, der ihren Geist über die Sphäre der Seele hinaus erhob – hinauf in geistliche Einheit mit ihm selbst. Wenn er in uns bleibt und wir in ihm, dann wird die Welt glauben. Sie sahen die Einheit bei der geisterfüllten Jüngerschar, die durch die innewohnende Liebe furchtlos war. Sie sahen sie in einem solchen Licht wandeln, dass sündiges Eigeninteresse, wie es sich bei Ananias offenbarte, unter ihnen nicht geduldet werden konnte.
In diesem Licht und im Licht davon, was dies für Christus und seine Gemeinde bedeutet – dass alle Glieder an seinem Leib „geistlich“ werden und an ihrem Platz, vereint mit Christus als dem auferstandenen Haupt der Gemeinde, eingefügt oder vollkommen gemacht werden – versteht man, dass Klarheit über das Scheiden zwischen Seele und Geist nicht hoch genug wertgeschätzt werden kann. Denn wenn man damit aufgehört hat, „nach dem Fleisch“ zu leben – im Bewusstsein der Sinne – wird man zu einem erwachsenen „geistlichen“ Mann aufwachsen können, einem Mann, der imstande ist, Gottes Geist zu verstehen, und der geistliche Dinge unterscheiden und untersuchen kann. Denn er wird dann ein Mann sein, der ganz geheiligt ist und dessen Geist ganz freigemacht ist von der Herrschaft der Seele und des Leibes, dadurch, dass der dreieinige Gott Wohnung bei ihm genommen hat. Joh. 14, 23. Und indem er so wandelt, jagt er immer nach der Vollendung. Phil. 3, 15-16.
Wieviel Zeit braucht es zwischen dem ersten Schritt in der Wiedergeburt und der erwachsenen Stufe im Christusleben in der Bedeutung, dass der Geist freigemacht und in Verbindung mit unserem auferstandenen Heiland, Jesus Christus, gesetzt ist, der die vollkommene Herrschaft über Seele und Leib hat? Ja, wie lange das dauern kann, können wir nicht genau sagen, aber aus dem Brief des Apostels an die Korinther und aus dem Hebräerbrief verstehen wir, dass sie dafür getadelt wurden, zuviel Zeit im Zustand des Kindseins gebraucht zu haben. Denn sie waren immer noch fleischlich und brauchten Milch für ihr schwaches, geistliches Leben, als sie der Zeit nach Lehrer hätten sein sollen, die andere zur vollen Reife hätten leiten sollen. Der Zustand des Kindseins kann offenbar verlängert oder verkürzt werden und braucht nicht nach einer gewöhnlichen Zeitrechnung gemessen zu werden. Aller Wahrscheinlichkeit nach ist es so, dass es darauf ankommt, wie schnell der Gläubige die Wahrheit ergreifen kann und wie rasch er damit ist, sich selbst hinzugeben, wenn ihn die Erkenntnis Gottes überzeugt hat. In allen Fällen geht es klar aus dem Hebräerbrief hervor, dass die Einstellung des Gläubigen im Hinblick auf seinen Fortschritt von großer Bedeutung ist. Als er ihnen schreibt, dass sie träge waren zu hören, und dass sie wiederum die Anfangsgründe des Evangeliums lernen müssten, sagt er: „Darum wollen wir jetzt lassen, was am Anfang über Christus zu lehren ist, und uns zum Vollkommenen wenden.“ Hebr. 6, 1. Das sind ungefähr dieselben Worte, die Paulus in Phil. 3 verwendet, wo er von seinem persönlichen Eifer berichtet, mit dem er vorwärtsstrebte.
