Der Weg zur Weisheit
Weisheit kann man ausschließlich in der Armut des Geistes erlangen. Man muss Bedarf für die Weisheit verspüren. Arm im Geist ist derjenige, der seine Fehlgriffe sieht und sich züchtigen lässt. Er sucht nach etwas, was er noch nicht besitzt. Er ist unzufrieden mit sich selbst. Es ist ein schreiendes Verlangen in ihm nach wahrer Erfüllung – nach Wahrheit, ja nach Gott selbst. Eine solche Seele ist arm im Geist und das Himmelreich gehört ihr. Sie sucht Gott und Gott sucht sie. Auch wir sollten unter den Menschen nach dem Armen im Geist suchen, denn diese sind seltene Perlen.
Der Weisheit Anfang ist die Furcht des Herrn. Spr. 9, 10. Die Furcht des Herrn zeigt, dass man mit ihm in ständigem, engem Kontakt ist. Der Herr naht sich uns durch die Rute der Zucht; denn seine Reinheit kann sich nicht mit all unseren Unreinheiten vereinen, deshalb naht er sich uns durch Zucht. Der Arme im Geist lässt sich züchtigen, denn er kann nicht anders, als sich von dem überzeugen zu lassen, was besser ist als das, was er selbst besitzt. Er hört auf Zurechtweisung und wird weise. Spr. 8, 33. Die Erkenntnis Gottes verschafft sich durch die Rute ihrer Zucht einen Weg in sein inneres Wesen und wird dadurch, dass die Person einsichtig ist, zu einem Bestandteil von ihr selbst. Sie wird weise. Wissenschaft kann man sich durch Lesen aneignen, doch um Weisheit zu erlangen, muss man gezüchtigt werden. Man kann Wissenschaftler sein, ohne weise zu sein. Aber für den Wissenschaftler gilt noch mehr als für jeden anderen: So aber sich jemand dünken lässt, er wisse etwas, der weiß noch nichts, wie er wissen soll. Weltliche Wissenschaft und Gottlosigkeit kann gut in ein und derselben Person vereint sein. „Und wie sie es für nichts geachtet haben, Gott zu erkennen, hat sie Gott dahingegeben in verkehrten Sinn, sodass sie tun, was nicht recht ist.“ Röm. 1, 28. Die Wissenschaft hat ihren Sitz im Kopf, die Weisheit im Herzen. Ein Wissenschaftler kann wissenschaftliches Wissen und Weisheit besitzen, wenn er die Weisheit an ihren Platz vor der Wissenschaft stellt. Er wird dann Gott in seinem Wissen sehen, und das ist Weisheit.
Niemand kann auf die Schnelle Weisheit bekommen. Zuerst sendet Gott seine Erkenntnis. Ist man dieser gegenüber treu, dann wird man weise. Die Erkenntnis sind die Lichtstrahlen, die vom Licht ausgehen, nicht das Licht selbst. Die Weisheit jedoch ist das Licht selbst. Alles, was für Paulus ein Gewinn war, erachtete er für Schaden, weil die Erkenntnis Christi so viel mehr wert war. Phil. 3, 7. Eine Erkenntnis um Gewinnes willen, ist somit nicht die Erkenntnis Christi. Und dennoch zielt alle Lehre hier in der Welt darauf ab, Erkenntnis als Mittel zum Gelderwerb zu erlangen. Dieses muss man von sich tun, wenn man die Erkenntnis Gottes besitzen will. Jesu Christi Reich ist nicht von dieser Welt. Wir brauchen eine Erkenntnis, die nicht von dieser Welt ist, um in der zukünftigen Welt zum Nutzen sein zu können. Deshalb heißt es, dass ein Verständiger die Weisheit vor Augen hat. Spr. 17, 24. Denn er weiß, dass die Weisheit ewig Krone und Zepter tragen wird. Dagegen heißt es im selben Vers vom Toren, dass seine Augen am Ende der Welt umherschweifen. Befindet er sich beispielsweise in Amerika, sind sein Sinn und seine Gedanken in Norwegen. Und ist er in Norwegen, dann ist er mit Sinn und Gedanken an anderen Orten auf der Welt. Er ist also nicht dort anwesend, wo er mit seinem Leib tatsächlich ist, seine Augen sind am Ende der Welt. Dies macht unruhig und friedlos. Wahrer Friede und wahre Ruhe bestehen darin, dass man in Sinn und Gedanken dort zu Zufriedenheit gelangt, wo man ist; gerade so, wie man es hat, weil man weiß und glaubt, dass es gerade so ist, wie Gott es haben will. Die Erkenntnis Gottes wird von Zucht begleitet, bis man in der Weisheit die vollkommene Ruhe findet, die Ruhe, in die diejenigen eingehen, die gläubig geworden sind. Hebr. 4, 3.
Der Weg zur Weisheit ist durch die Erkenntnis Gottes für diejenigen offenbart, die sich allezeit selbst – in Treue – in der Armut des Geistes bewahren. Sobald man sich dünken lässt, etwas zu wissen, weiß man noch nichts, wie man wissen soll. Die Weisheit lässt sich also nicht wie ein Brillant benützen, der seinem Besitzer äußeren Glanz verschafft. Sie bringt Ehre, aber auf göttliche Weise. Der Geist der Weisheit wohnt nur in reinen Herzen, deshalb muss jeder, der Weisheit haben will, sich selbst reinigen. Handelt man gegen ihre Gesetze, zieht sie sich zurück und überlässt den Menschen seinem eigenen Fall. Man muss Gottes Gesetzen folgen, um Weisheit zu bekommen und man muss in ihnen leben, um sie zu behalten. Ist ein Mensch dahin gekommen, Weisheit von Gott erlangt zu haben, dann ist eine solche Seele mit der Schule der Zucht wohlvertraut. Darüber kannst du mit ihm sprechen und du wirst verständige Antworten erhalten.
Erkenntnis um Gewinnes willen kann auch von religiöser Art sein. Auch diese muss für Schaden geachtet werden, da sie bei weitem nicht Erkenntnis Gottes ist und in keinerlei Weise zu Gottes Weisheit führt. Man kann auf diese Weise ein Priesterstudium machen – ein Priester Gottes wird man aber nicht, ohne zu seinem wunderbaren Licht geleitet zu werden. Dieses wunderbare Licht macht all das menschliche Licht zunichte, das man auf der Priesterschule bekommen hat. Deshalb ist jeder ein Priester – ohne Priesterschule –, der in diesem wundervollen Licht lebt und darin vorwärtsgeht. Die weisen Männer Gottes muss man deshalb in Seinem wundervollen Licht suchen, das alles andere Licht zunichtemacht. Aber macht es alles andere Licht zunichte, dann ist es natürlich, dass diejenigen, die bereits Jahre und Geld für ihr Licht geopfert haben, die schlimmsten Widersacher von Priestern in Gottes wunderbarem Licht werden. Genau dieses ist das Zeichen. Und man kann dieselben Schlüsse aus dem Leben Jesu und dem der Apostel nach ihm und dem der Propheten vor ihm ziehen. Diejenigen, die sich dünken, etwas zu wissen, nehmen Anstoß und werden voll Neides auf dieses göttliche und wundervolle Licht.
Deshalb heißt es, dass alle, die gottesfürchtig in dieser Welt leben wollen, Verfolgung erleiden werden. Alles kommt von dem Leben, das man lebt, und nicht von dem, was man sich durch Lesen aneignet. Denn das Leben ist das Licht der Menschen.
