Hohepriesterlicher und priesterlicher Dienst
„Und noch klarer ist es, wenn, in gleicher Weise wie Melchisedek, ein anderer als Priester eingesetzt wird, der es nicht geworden ist nach dem Gesetz äußerlicher Gebote, sondern nach der Kraft unzerstörbaren Lebens. Denn es wird bezeugt: Du bist ein Priester nach der Ordnung Melchisedeks.“ Hebr. 7, 15-17.
Dieser Melchisedek war König von Salem, Priester Gottes des Höchsten. Wenn sein Name gedeutet wird, dann ist er König der Gerechtigkeit, dann aber auch: König von Salem, das ist: König des Friedens.
Melchisedek trat einmal in der Geschichte in Erscheinung. Vor der Begegnung mit Abraham ist er nicht erwähnt, auch nicht danach. Er hat weder Anfang der Tage noch Ende des Lebens, sondern ist dem Sohn Gottes gleichgemacht – er bleibt Priester in Ewigkeit.
Seht aber, wie groß der ist, dem auch Abraham, der Erzvater, den Zehnten gab. Diejenigen der Kinder Levi, die das Priestertum empfangen, haben nach dem Gesetz das Recht, den Zehnten vom Volk zu nehmen, obwohl auch diese von Abraham abstammen. Der aber, der nicht von ihrem Stamm war, der nahm den Zehnten von Abraham und segnete den, der die Verheißungen hatte. Nun ist aber unwidersprochen, dass das Geringere vom Höheren gesegnet wird.
Auch Levi, der doch selbst den Zehnten nimmt, ist in Abraham mit dem Zehnten belegt worden. Denn er sollte seinem Stammvater ja erst noch geboren werden, als Melchisedek Abraham entgegenging.
Nun haben wir einen Hohepriester bekommen, der es ist nach der Weise Melchisedeks und nicht nach der Weise Aarons. Denn wenn das Priestertum verändert wird, dann muss auch das Gesetz verändert werden. Und geschieht eine Veränderung beim Hohepriester, dann geschieht notwendigerweise auch eine Veränderung bei den Priestern. Die Priester sollten nach dem Gesetz aus dem Stamm Levi gewählt werden. Aber nun ist unser Hohepriester nach Melchisedek erwählt worden – eine Person, die nicht mit Abraham verwandt war und die weitaus höher stand als Abraham und seine Nachkommen nach dem Fleisch.
Unser Hohepriester Jesus Christus lebte sein Leben hier auf Erden in einem Leib, der von Abraham abstammte. Aber er kam vom Stamm Juda – dem kein Priesteramt zugeteilt worden war. Dem Fleisch nach musste Jesus an den Stamm Levi den Zehnten geben; denn er war unter dem Gesetz geboren, und als Nachkomme Abrahams hatte er zusammen mit Abraham am Segen Melchisedeks Anteil.
Wir sehen, dass Jesus uns nach dem Fleisch nicht mehr Nutzen bringen kann als ein anderer Mensch, der von Abraham abstammt. Deshalb sagt Paulus: Und auch wenn wir Christus gekannt haben nach dem Fleisch, so kennen wir ihn doch jetzt so nicht mehr.
Melchisedek segnete den, der die Verheißungen hatte. V. 6. Abraham hatte die Verheißungen. In diesen Verheißungen finden wir Jesus Christus, aber wir finden ihn niemals in Abraham nach dem Fleisch. Deshalb sagt Jesus: „Ehe Abraham wurde, bin ich.“ Gott verhieß seinen Sohn durch Abraham, aber niemand kann jemandem etwas versprechen, ohne zu haben, was er verspricht. Also war Jesus vor Abraham.
Das Gesetz des Mose ist hinzugekommen, damit die Sünde erkannt würde und um der Übertretungen willen. Das Priestertum nach dem Gesetz war deshalb ein Priestertum in Verbindung mit Sünde – Übertretungen.
Nun aber hat Jesus Christus ein höheres Amt empfangen, wie er ja auch der Mittler eines besseren Bundes ist, der auf bessere Verheißungen gegründet ist. Hebr. 8, 6.
Wenn nun das Priestertum im Alten Bund für Übertretungen gedacht war, für bewusste Sünden, und Jesus Christus ein besseres Priestertum und einen besseren Bund bekommen hatte, dessen Diener er war, so schließen wir hieraus, dass er nicht Hohepriester ist für die, die Sünde tun; denn wenn er dies wäre, dann wäre er ja Hohepriester nach dem Gesetz äußerlicher Gebote. Nun aber ist er Hohepriester geworden nach der Kraft unzerstörbaren Lebens. Hebr. 7, 16.
Wir ersehen hieraus, dass, wenn Jesus Christus uns bedient, dann tut er dies nach der Kraft unzerstörbaren Lebens. Diese Kraft unzerstörbaren Lebens gestaltet uns zu einem Gottesmenschen um, indem sie meinen Willen nach dem Fleisch verzehrt und zunichtemacht, sodass das Vergängliche vom Leben verschlungen wird.
Für Sünder ist Jesus ein Schlachtopfer geworden, aber für die Gläubigen ist er der Mittler eines besseren Bundes, in dem die Sünde im Fleisch durch die Kraft unzerstörbaren Lebens verdammt wird. Röm. 8, 3. Dieses Verdammen im Licht Gottes mit meiner Zustimmung in Jesus Christus ist das vollkommenste und vollendete Urteil über meinen Egoismus. Das Gesetz des Mose konnte nicht bis hinter den Vorhang meines Fleisches hineinreichen, aber die Kraft unzerstörbaren Lebens reicht hinein bis zur eigentlichen Wurzel der Sünde, der Erbsünde.
Der erste Bund hat irdische Verheißungen, aber der letzte und bessere Bund hat himmlische Verheißungen. Den Unterschied finden wir in dem Unterschied, der zwischen Abraham und Melchisedek besteht. Melchisedek ist König der Gerechtigkeit und König des Friedens. Der letzte – und bessere – Bund ist ein Bund der Gerechtigkeit und ein Bund des Friedens. In diesen gehen wir hinein durch einen Mittler, Jesus Christus. Der Mittler ist nicht nur für einen, sondern für viele. Gott dagegen ist einer. Zu ihm führt aller Mittlerdienst.
„So haben wir doch nur einen Gott, den Vater, von dem alle Dinge sind und wir zu ihm; und einen Herrn, Jesus Christus, durch den alle Dinge sind und wir durch ihn. Aber nicht jeder hat die Erkenntnis.“ 1. Kor. 8, 6-7.
Alle Dinge sind vom Vater und wir zu ihm; aber alle Dinge sind durch den Sohn und wir durch ihn. Der Mittlerdienst geschieht durch den Sohn, aber zum Vater hin, zu ihm hin, zu dem wir im Sohn vermittelt werden. Deshalb kann niemand zum Vater kommen außer durch den Sohn. Dies ist der hohepriesterliche Dienst des Sohnes.
Nun wurde der erste Bund durch Blut eingeweiht. Deshalb ist der zweite und bessere Bund auch durch Blut eingeweiht worden. Der erste Bund wurde mit dem Blut von Kälbern und Böcken eingeweiht, aber der zweite Bund mit dem teuren Blut Jesu.
Deshalb heißt es: „Wenn wir aber im Licht wandeln, wie er im Licht ist, so haben wir Gemeinschaft untereinander, und das Blut Jesu, seines Sohnes, macht uns rein von aller Sünde.“ 1. Joh. 1, 7.
Die Reinigung, von der hier die Rede ist, ist nicht eine Reinigung von bewusst begangenen Sünden; denn die Reinigung findet in demjenigen statt, der im Licht wandelt. Und wenn es nicht um bewusst begangene Sünden geht, dann muss es um die Sünde im Fleisch gehen, die wir von den Vätern geerbt haben. Der Gottesfürchtige wird dies verstehen, aber der Gottlose und Sünder versteht nichts.
Hier kommen wir einen Schritt weiter als das Licht des Gesetzes. Das Licht des Lebens scheint in den Leib hinein und richtet die verborgenen Gedanken und Ratschlüsse des Herzens. Wir haben zu jeder Zeit diesem Gericht zuzustimmen und dann wird das Blut Christi uns von aller Sünde reinigen.
Die Reinigung, die durch den „Wandel im Licht“ im inneren verborgenen Wesen stattfindet, ist der Mittlerdienst oder hohepriesterliche Dienst Christi.
Nun sagt Paulus, dass Gott ihn tüchtig gemacht hat zu einem Diener des Neuen Bundes, nicht des Buchstabens, sondern des Geistes. Denn der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig. 2. Kor. 3, 6.
Christus ist Hohepriester, weil das ganze Werk Gottes in ihm vollbracht worden ist; aber nun kommen die Priester nach ihm.
Im Alten Bund gab es nur einen Hohepriester, aber viele Priester – ebenso im Neuen Bund. Aber sowohl der Hohepriester als auch die Priester im Alten Bund starben, weil sie aufgrund äußerlicher Gebote eingesetzt waren. Im Neuen Bund dagegen währen der Hohepriesterdienst und der Priesterdienst ewig, weil die Dienenden selbst lebendig gemacht worden sind und ihren Dienst in der Kraft unzerstörbaren Lebens tun. Jesus hat sich selbst durch den ewigen Geist als Opfer dargebracht. Der Dienst, den der Geist in ihm ausführte, wird Dienst der Gerechtigkeit genannt; und dieser ist reich an Herrlichkeit. 2. Kor. 3, 8. Soviel der Geist nun in uns das Wollen und das Vollbringen wirken konnte, soviel können wir wiederum andere in demselben Geist bedienen. Aber der Dienst des Geistes, der sowohl ein hohepriesterlicher als auch ein priesterlicher Dienst ist, führt den Menschen immer in das Blut des Bundes hinein – das Blut, das uns reinigt, wenn wir im Licht wandeln. Aber jeder, der in das Blut des ewigen Bundes hineingeführt wird, wird auferweckt und in den Himmel versetzt – Jesus zuerst – danach wir, die wir ihn in Unvergänglichkeit lieben.
„Meine Kinder, dies schreibe ich euch, damit ihr nicht sündigt. Und wenn jemand sündigt, so haben wir einen Fürsprecher bei dem Vater, Jesus Christus, der gerecht ist. Und er ist die Versöhnung für unsre Sünden, nicht allein aber für die unseren, sondern auch für die der ganzen Welt.“ 1. Joh. 2, 1-2.
Johannes schreibt, damit wir nicht sündigen. Wenn es aber geschehen sollte, dass jemand sündigt, dann haben wir einen Fürsprecher beim Vater, Jesus Christus, der gerecht ist. Eine solche Übereilung durch die Sünde, die hier genannt wird, wird nicht durch den hohepriesterlichen Dienst Jesu Christi weggereinigt, denn der Betreffende ist nicht im Licht gewandelt, sodass das Blut reinigen könnte. Jesus muss daher als Fürsprecher auftreten und als der Gerechte vor dem Vater in der Kraft seines Leidens und seines Todes, der auch für die ganze Welt geschehen ist, diese Sünde sühnen. Dieser Dienst ist kein Mittlerdienst, wodurch der Mensch sich dem Vater naht, sondern ein Dienst, der notwendigerweise ausgeführt werden muss, damit der Vater den Betreffenden nicht verwirft.
Er ist der Mittler eines Neuen Bundes, damit die Berufenen das verheißene ewige Erbe empfangen, nachdem ein Tod geschehen ist zur Erlösung von den Übertretungen unter dem ersten Bund. Hebr. 9, 15. Hieraus geht deutlich hervor, dass man erst dann am verheißenen ewigen Erbe teilbekommt, nachdem ein Tod zur Erlösung von den Übertretungen unter dem ersten Bund geschehen ist. Oder mit anderen Worten: Man wird erst des verheißenen Erbes teilhaftig, nachdem man für seine Sünden Vergebung bekommen hat. Das Erbteil der Heiligen liegt im Licht; und ein gottloser Mensch, der den Druck der Sündenlast spürt, ist nicht in der Lage, ein Erbe im Licht zu empfangen. Dagegen bekommt die Person, die im Licht wandelt, ein Erbe im Licht.
„Indem er sagt: ‚einen Neuen Bund‘, erklärt er den ersten für veraltet. Was aber veraltet und überlebt ist, das ist seinem Ende nahe.“ Hebr. 8, 13.
Wenn wir nun in den Neuen Bund und in die größeren Herrlichkeiten hineingehen, dann müssen wir mit Gott das Erste als veraltet und überholt richten. Denn das Alte ist vergangen und es ist alles neu geworden. Wenn man aber vor den Augen dessen, der noch im Alten lebt, das Alte als veraltet richtet, entsteht Streit. Denn er sieht das Alte als etwas Neues an, und das für uns Neue existiert für ihn nicht, obwohl es überschwänglich reich an Herrlichkeit ist. Aber über allem Herrlichen liegt eine Decke. Über den Herrlichkeiten des Neuen Bundes liegt eine Decke, die aus dem Wort vom Kreuz und der Gemeinschaft der Leiden Christi besteht. Dies ist die Ursache dafür, dass man am Erbteil der Heiligen im Licht keinen Anteil bekommt; denn die meisten sind Feinde des Kreuzes Christi. Solange von Verheißungen und Herrlichkeiten die Rede ist, herrscht großer Jubel; aber sobald an den betreffenden Menschen Anforderungen gestellt werden, dass er in dieser Welt göttlich und weise und gerecht leben soll, kommt der Hass des Herzens hervor. Das ist Knechtschaft, wird dann gesagt; denn wenn der Betreffende alle seine Ungerechtigkeiten ablegen müsste, dann würde dies für ihn eine große Knechtschaft werden. Dagegen sei es Freiheit, ein schlampiges Leben führen zu dürfen und eine Menge Verheißungen zu genießen. Diese werden daher auch nur in der Einbildung genossen. Denn eine Seele, die ihr Erbe im Licht entgegengenommen hat, erforscht Herz und Nieren des Betreffenden und stellt fest und beweist, dass das Ganze nur hohl und eitel ist.
Mögen wir uns daher von der Decke, die über den Herrlichkeiten ruht, nicht abschrecken lassen; sondern lasst uns als treue Jünger Christi jeden Tag das Kreuz aufnehmen und ihm nachfolgen. Berate dich nicht mit Fleisch und Blut, wenn du den Willen Gottes erkennst. Solltest du aber im Zweifel sein, dann vertraue dich den Älteren an.
