Knechtschaft und Freiheit
Vor einigen Jahren war es gang und gäbe, große Lasten auf die zu legen, die Gott suchen wollten. Man hielt es für eine schwierige Angelegenheit, errettet zu werden. Man musste sich zuerst in jeder Hinsicht bessern, mit gebeugtem Haupt umhergehen und sorgenvoll aussehen. Es wurde Regel an Regel gefügt und Gebot zu Gebot getan, sodass man unter der Last zusammenbrach.
Jetzt ist man zum Gegenteil gekommen. Beinahe alles, was man in Richtung Gottesfurcht tut, wird als Knechtschaft bezeichnet. Es wird nun ausschließlich über Freiheit gesprochen und man verspricht Freiheit. Komm zu uns, hier ist Freiheit. Inmitten eines verkommenen, sündenvollen Lebens beruft man sich auf Christi Freiheit. Wird die Sünde jedoch allzu greifbar, gerät man in das Verständnis hinein, dass es so sein muss, dass alle errettet werden. Denn andere sündigen ja nicht schlimmer als ich selbst – und bin ich errettet, so müssen es die anderen auch sein, wenn sie es nur sehen könnten. So zieht man seine Schlüsse und so redet man.
Es ist wahr, wie es in einem Lied heißt:
Um erlöst zu werden, musst du gar nichts tun; Nein, das Wort nur hören, dich darauf ausruhn. Nicht der Reue Schmerzen, Heilung bringt dem Herzen; Vielmehr sagt das Wort: Geheilt durch Jesu Wunden.
Man kann nichts tun, um errettet zu werden. Denn die Errettung wurde auf Golgatha zustande gebracht. Aber als Erretteter hat man viel zu tun; denn Gott wirkt in uns das Wollen und das Vollbringen. Wir sollen in den Werken wandeln, die Gott für uns bereitet hat. Vom Morgen bis zum Abend muss jeder Mensch notwendigerweise etwas tun: Gutes oder Böses, entweder im Geist wandeln oder im Fleisch. Ein Wandel im Geist wird in die entgegengesetzte Richtung führen wie ein Wandel im Fleisch. Die vom Gesetz geforderte Gerechtigkeit wird erfüllt werden.
Wenn nun ein „überfreier“ Christ sein eigenes Leben mit einem Wandel im Geist vergleicht, ist das Knechtschaft für ihn, und er nennt jede Person, die sich der Gottesfurcht befleißigt, ohne Weiteres einen „Gesetzesknecht“.
Seine eigene Freiheit ist jedoch nur eine unzulässige Freiheit im Fleisch. Eine Freiheit, von der er von dem Tag an erlöst werden muss, an dem er aus seinem geistlichen Rausch erwacht. Ich kenne viele solche „Freie“, die in all ihrer Freiheit im Fleisch geendet sind.
An den Früchten sollt ihr den Baum erkennen. Prüfe sie, wenn sie dich einen „Gesetzesknecht“ nennen. Du wirst vielleicht feststellen, dass annähernd 100 Prozent von ihnen mitten in ihrer Prahlerei von Freiheit Gesetzesbrecher sind.
Kein Mensch auf der ganzen Erde kann seinem Fleisch Freiheit gewähren und dabei Gottes Wohlgefallen über sich haben. „Die aber Christus Jesus angehören, die haben ihr Fleisch gekreuzigt samt den Leidenschaften und Begierden.“ Der Leib muss in Knechtschaft gehalten werden, wenn wir seine Befreier sein wollen. Jeder Christ muss – wenn er seinem Meister folgen will – getötet werden nach dem Fleisch, aber lebendig gemacht werden nach dem Geist. Diese Erkenntnis ist leider nicht jedermanns Ding, und doch liegt hierin die wahre göttliche Freiheit.
