„Der erleuchtete Mensch“ und „der Gottesmensch“
„Gedenkt aber der früheren Tage, an denen ihr, nachdem ihr erleuchtet wart, erduldet habt einen großen Kampf des Leidens.“ Hebr. 10, 32.
Beachte: Nachdem ihr erleuchtet wart. Wie hast du dich denn verhalten, „nachdem du erleuchtet warst?“ Hast du das Licht benutzt, um dich in Gottesfurcht zu üben, sodass du in diesem Licht große Kämpfe und Leiden erduldet hast? Oder bist du in diesem Licht ein „großer Herr“ und Richter gewesen, der mit seinem Finger mehr auf die Fehler anderer als auf seine eigenen gezeigt hat?
Du hast womöglich all dein Licht von anderen Menschen empfangen und kannst außer dem Licht, das du durch sie bekommen hast, keinen einzigen Schimmer dein eigen nennen – und doch rühmst du dich und sagst, dass du schon seit langem mit den Menschen fertig seiest.
Als Jesus in menschlicher Gestalt war, da war wohl auch er erleuchtet; aber was tat er? Nun, er fuhr damit fort, sich zu erniedrigen und gehorsam zu sein.
Wenn du erleuchtet worden bist, dann hüte dich davor, aufgeblasen zu werden; denn vielleicht sonnst du dich und freust dich im Licht anderer. Sei demütig und halte dich herunter zu den Geringen; denn es ist Gottes Sache zu erhöhen. Träume nicht davon, in der Herrlichkeit zur Rechten oder zur Linken des Erlösers sitzen zu dürfen; denn diejenigen, die im Reich Gottes die höchste Würde erreichen, werden fragen: „Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und haben dir zu essen gegeben, oder durstig und haben dir zu trinken gegeben? Wann haben wir dich als Fremden gesehen und haben dich aufgenommen, oder nackt und haben dich gekleidet? Wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen?“ Mt. 25, 37-39. Sei deshalb nicht stolz in all deinem Licht, sondern fürchte dich!
Als wir in der Welt waren, zeigten wir durch unsere bösen Werke unsere verdorbene Gesinnung. Nachdem wir nun aber erleuchtet worden sind, sollten wir eine neue Gesinnung fassen. Doch merken wir leider, dass einem Menschen eine schlechte Gesinnung noch lange Zeit, nachdem er erleuchtet worden ist, anhängen kann.
Somit können wir feststellen, dass ein Unterschied zwischen „dem erleuchteten Menschen“ und „dem Gottesmenschen“ besteht.
„Der Gottesmensch“ wächst im Licht und macht sich das Licht zunutze. Die Gesinnung wird erneuert; und er erniedrigt sich selbst und ist gehorsam bis zum Tod am Kreuz, wie Jesus.
„Der erleuchtete Mensch“ steht vor der Wahl. Entweder kann er sich im Licht freuen und damit zur Befriedigung seines Fleisches um sich schlagen, sodass er „ohne uns herrscht“; oder er kann sich demütigen und den Weg des Kreuzes gehen. Oft sehen wir, dass der erleuchtete Mensch in große Finsternis kommt. Woher kommt das? Er war eben nur erleuchtet. Es war noch keine Herzensveränderung zum Besseren geschehen. Das Licht war in dem Betreffenden noch nicht Leben geworden. Wo das Licht Leben geworden ist, kommt man nicht so schnell in Finsternis.
„Wenn jemand meint, er habe etwas erkannt, der hat noch nicht erkannt, wie man erkennen soll.“ Sonne dich deshalb nicht in all deinem Licht, sodass du in ihm wie ein Richter Israels auftrittst, ehe du dich selbst gerichtet hast. Das Richten eines erleuchteten Menschen ist hart und unbarmherzig und wirkt wie ein Schlag ins Gesicht; wogegen das Richten eines Gottesmenschen mit Ermahnung und unter Tränen geschieht.
Das Himmelreich fängt in dem Augenblick an, in dem ein Mensch erleuchtet wird; aber lies selbst nach, womit dieses Himmelreich verglichen wird. Mt. 18, 23 ff.: Ein König wollte mit seinen Knechten abrechnen. Einer wurde vor ihn gebracht, der war ihm zehntausend Zentner Silber schuldig. Da er’s nun nicht bezahlen konnte, befahl der Herr, ihn und seine Frau und seine Kinder und alles, was er hatte, zu verkaufen und damit zu bezahlen. Da fiel ihm der Knecht zu Füßen und flehte ihn an und sprach: Hab Geduld mit mir; ich will dir’s alles bezahlen.
Da hatte der Herr Erbarmen mit diesem Knecht und ließ ihn frei, und die Schuld erließ er ihm auch.
Da ging dieser Knecht hinaus und traf einen seiner Mitknechte, der war ihm hundert Silbergroschen schuldig; und er packte und würgte ihn und sprach: Bezahle, was du mir schuldig bist!
Da fiel sein Mitknecht nieder und bat ihn und sprach: Hab Geduld mit mir; ich will dir’s bezahlen.
Er wollte aber nicht, sondern ging hin und warf ihn ins Gefängnis, bis er bezahlt hätte, was er schuldig war.
Was sagte nun der Herr zu ihm? „Du böser Knecht! Deine ganze Schuld habe ich dir erlassen, weil du mich gebeten hast; hättest du dich da nicht auch erbarmen sollen über deinen Mitknecht, wie ich mich über dich erbarmt habe?
Und sein Herr wurde zornig und überantwortete ihn den Peinigern, bis er alles bezahlt hätte, was er ihm schuldig war.
So wird auch mein himmlischer Vater an euch tun, wenn ihr einander nicht von Herzen vergebt, ein jeder seinem Bruder.“
Dieser Knecht war erleuchtet und wusste, wie er hätte handeln sollen; aber seine Gesinnung war die alte und unbeugsame. Deshalb wurde er „den Peinigern“ überantwortet. Wenn du erleuchtet worden bist, dann vertrage dich mit deinem Gegner sogleich, solange du noch mit ihm auf dem Weg bist, damit dich der Gegner nicht dem Richter überantworte und der Richter dem Gerichtsdiener und du ins Gefängnis geworfen werdest.
Wahrlich, ich sage dir: Du wirst nicht von dort herauskommen, bis du auch den letzten Pfennig bezahlt hast. Mt. 5, 25-26.
Lasst uns daher im Gedächtnis behalten, dass „der erleuchtete Mensch“ nicht dasselbe ist wie „der Gottesmensch“. „Der erleuchtete Mensch“ kann „den Peinigern“ überantwortet und ins Gefängnis geworfen werden, aber „der Gottesmensch“ geht auf dem Weg durch den Vorhang. Er geht tiefer hinunter und ist den Befehlen Gottes gehorsam; er achtet die Schande gering um der Herrlichkeit willen, die an ihm offenbart wird.
