Der Epheserbrief
Dass auch heute ein Kreuz existieren soll, ist höchst unbekannt, und wo davon die Rede ist, nimmt man sehr daran Anstoß, da man sich das Christentum geradezu als Lagerraum für Milch und Honig vorgestellt hat, als Wohltätigkeitsanstalt, in der man jegliche Art von Unflat durchgehen lässt. Das Fleisch hat viele gute Gedanken über das Christentum; Gott denkt aber auch, und er realisiert seine Gedanken zur großen Enttäuschung für das Fleisch.
„Denn wenn wir mit Gott versöhnt worden sind durch den Tod seines Sohnes, als wir noch Feinde waren, um wieviel mehr werden wir selig werden durch sein Leben, nachdem wir nun versöhnt sind.“ Röm. 5, 10.
Merkwürdig, wie man für die unbenützten Schriftstellen Gebrauch bekommt, wenn man auf diese inneren Wege kommt!
Nun sollen wir versöhnt werden durch sein Leben, nachdem wir durch seinen Tod versöhnt worden sind.
Oh, was für eine brennende Frage zu allen Zeiten! Wie verdrießlich es doch ist, dass man nicht so, wie man ist, direkt ins Leben hineinmarschieren kann! Dass man erst sterben soll, ehe man durch Christi Leben versöhnt und erlöst werden kann! Was für Heerscharen aller Art gottloser Menschen würden wir dann doch als Reisegefährten bekommen! Lob und Dank sei unserem weisheitsvollen Gott, dass jede einzelne Seele erst von sich selbst und von ihrer Bosheit absterben muss, ehe sie auf den neuen und lebendigen Weg kommt. Und je mehr sie auf diesem Weg wandelt, desto reiner und feiner wird sie. Eine gesegnete Reisegesellschaft – ein ewiges Erbe.
Wenn es heißt, dass Christi Leiden und Christi Tod in uns wirksam sind, dann geht daraus deutlich hervor, dass wir mit Christus in seinem irdischen Leib verbunden sind, mit dem Leib, den er hier auf Erden hatte. Niemand glaubt wohl, dass Christi Tod in seinem Herrlichkeitsleib wirksam ist und er auch in diesem leidet. Nein, wenn wir mit einem Geist zu einem Leib getauft sind, dann ist damit sein irdischer Leib gemeint. Daher wird auch der Prozess in unserem irdischen Leib derselbe, wie er es in ihm war. Aus demselben Grund können wir Anteil mit ihm an der Schmach, an den Trübsalen und Leiden bekommen, denn wir sind als Glieder in seinen irdischen Leib eingepfropft, damit wir auch Teil seines Auferstehungsleibes werden können.
In der Auferstehung kommt keine einzige Seele in seinen Herrlichkeitsleib hinein, die nicht jetzt in diesem Leben unter Erniedrigung und Schmach mit ihm in seinen Leib eingepfropft wird.
Ein Schlachtschaf wird ausgewählt und die Körner, die als Saatgut verwendet werden sollen, legt man beiseite. So sondert Gott durch seinen Heiligen Geist auch diejenigen aus, die mit Christus in der Erniedrigung sterben sollen, um sie in der Auferstehung zu ewigem Besitz wiederzubekommen, wo sie mit ihm regieren werden.
Die Feindschaft wird getötet
„Um die beiden in einem Leib mit Gott zu versöhnen durch das Kreuz, nachdem er durch dasselbe die Feindschaft getötet hatte.“ V. 16.
Die Feindschaft zwischen einem Juden und einem Griechen wird am Kreuz getötet; und wenn dort eine so tiefe Feindschaft getötet wird, können wir sicher sein, dass das Kreuz genügend Kräfte in sich hat, auch die Feindschaft zwischen den unzähligen christlichen Parteiungen zu töten.
Bekennende Christen sind sich vollauf darüber im Klaren, dass eine Feindschaft besteht, und dass diese allen Menschen in Fleisch und Blut übergegangen ist. Dass diese Feindschaft jedoch durch das Kreuz getötet werden kann, durch das Ärgernis erregende Kreuz, das haben sie sich wohl nicht einmal träumen lassen.
Doch haben sie es auf ihre eigene Weise aufrichtig gemeint und unzählige Versuche unternommen, die Feindschaft auf andere Weise auszurotten.
Sie haben es mit Allianzversammlungen versucht. Man hat sich für dieses eine Mal zusammengenommen und Verträglichkeit walten lassen, so weit und so lange, dass man mit Menschen, die über dieselbe Sache anders denken, zusammen sein konnte – für eine oder zwei oder drei Versammlungen.
Obwohl nun diese Allianztreffen von leitenden Männern der verschiedenen Parteiungen repräsentiert wurden, von klugen Leuten ihrer Art, ist dennoch kein einziger von ihnen auf den Gedanken gekommen, dass die Feindschaft am Kreuz getötet wurde, dass Gott an diesem die zwei und damit auch die Vielen vereint hat. Daher sind sie wieder heimgefahren, jeder zu seiner Parteiung, ebenso parteiisch wie zu dem Zeitpunkt, als sie kamen, um die Allianz einzugehen.
Andere versuchen, die Feindschaft durch Menschenliebe zu töten. Sie gründen Vereine, wählen Vorsitzende, Vizevorsitzende und Sekretäre. Sie nähen, stricken und trinken Kaffee, während andere mit Gesang, Musik und Vorlesen für Unterhaltung sorgen. Man redet davon, Gutes zu tun, gut zu werden und andere gut zu machen. Trotz allem geht dann jeder nach Hause und trägt die Feindschaft in der eigenen Brust mit sich herum. Man wird nicht gut und tut nicht das Gute, ehe nicht das Kreuz die Feindschaft getötet hat. Was aber haben Kreuz und religiöse Gemütlichkeit miteinander zu tun?
Zugang zum Vater in einem Geist
„Und er kam und verkündigte Frieden euch, den Fernen, und den Nahen; denn durch ihn haben wir beide den Zutritt zu dem Vater in einem Geist.“ V. 17 und 18.
Sowohl als Heiden als auch als solche, die tot waren in Sünden und Übertretungen, waren die Epheser sehr fern. Die Juden dagegen waren nahe, denn sie wussten den Willen Gottes und konnten danach wandeln, wenn sie wollten.
Heutzutage werden viele in religiösen Familien aufgezogen und gehen während ihrer ganzen Kindheit in die Sonntagsschule. Sie sind über den Willen Gottes aufgeklärt und sind auf diese Weise nahe – ohne aufgrund dessen immer dorthin gekommen zu sein.
Andere sind in gottloser Umgebung aufgewachsen, und alles, was Gottesfurcht heißt, ist ihnen völlig fremd.
Beide bekommen Frieden durch das Blut, das an seinem Kreuz floss. Bei ihnen allen wird die Feindschaft durch das Kreuz zunichtegemacht. Die Wirkungen des Kreuzes Christi in ihnen machen den Sündenleib zunichte. Beide haben Zugang zum Vater in einem Geist, doch der Geist fordert das Blut, und das Blut kommt durch das Kreuz hervor. Dadurch gibt es Frieden für denjenigen, der weit weg und Frieden für denjenigen, der nahe ist.
Gottes Hausgenossen
„So seid ihr nun nicht mehr Fremdlinge ohne Bürgerrecht und Gäste, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen.“ V. 19.
Obwohl die Epheser dem Fleisch nach Heiden waren, waren sie nun nicht mehr Fremdlinge. Durch Christi Blut waren sie nahe gekommen. Gott bekannte sich zu ihnen, indem er ihnen den Geist als Unterpfand gab. Sie waren als wilde Ölzweige in den Ölbaum, der die Verheißungen hatte, eingepfropft und hatten auf diese Weise Anteil an der Wurzel und dem Saft des Ölbaums bekommen. Durch Glauben hatten sie Abraham zum Vater bekommen und waren auf diese Weise in Verbindung mit den Vätern gekommen. Auch die Heiden sind Miterben des Gesetzes, das 400 Jahre, nachdem Abraham die Verheißung empfangen hatte, gegeben wurde, und zwar sind sie Miterben im Geist in einem viel tieferen Sinn als die Israeliten es als Übertreter waren. Die Heiden besitzen den Geist des Gesetzes und seinen wahren Charakter, indem durch den Wandel im Geist die Forderung des Gesetzes in ihnen erfüllt wird. In Wahrheit kann von ihnen gesagt werden, dass sie Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen sind. Ein Jude nach dem Fleisch hat keine größeren Anrechte. Gesegnete Gemeinschaft und Bürgerschaft mit all den heiligen, reinsten und feinsten Menschenseelen, die auf dieser Welt existiert haben, und die der Auferstehung und des ewigen Lebens in der zukünftigen Welt würdig sind. Die Ewigkeit wird in so guter Gesellschaft eine Labsal sein.
Der Grund
„Erbaut auf den Grund der Apostel und Propheten, da Jesus Christus der Eckstein ist, auf welchem der ganze Bau ineinandergefügt wächst zu einem heiligen Tempel in dem Herrn. Durch ihn werdet auch ihr miterbaut zu einer Wohnung Gottes im Geist.“ V. 20-22.
Die jüdischen Bauleute verwarfen ihn, den Gott zum Eckstein des Bauwerks machte. Die Propheten bezeugten im Voraus – und die Apostel bezeugten im Nachhinein das Kommen dieses Ecksteins auf unsere Erde. Aber die religiösen Bauleute jener Zeit konnten nicht herausfinden, dass dieser Jesus von Nazareth, der arme Zimmermannssohn, wert war, beachtet zu werden – noch weniger, dass er würdig war, in den Plänen Gottes als Eckstein gesetzt zu werden. Nein, so geringe Gedanken hatten sie nicht von einem so großen und allmächtigen Gott. Er musste – wenn er überhaupt ein Mensch sein konnte – doch wenigstens aus einer feinen Familie kommen. Er musste unter den Gelehrten, unter den Schriftgelehrten, unter den Angesehenen zu finden sein, damit man Gefallen an ihm haben könnte. Dass Gott eine für die menschlichen Begriffe der weisen Herren so andersartige Vorgehensweise wählen würde, konnten sie sich nicht vorstellen.
Doch steht unser Herr Jesus Christus als Haupteckstein im Bauwerk Gottes, und die Propheten und Apostel, die auf ihn hinweisen und von ihm in Schrift und Rede Zeugnis geben, haben den ehrenvollen Platz bekommen, Steine auf demselben Grund zu sein, auf dem ihr Meister der Eckstein ist.
Wir können niemals der Grund sein, aber wir können auf ihm erbaut werden. Der Grund trägt uns, nicht wir ihn. Ebenso wie Gott der Bestimmende war, als der Grund gelegt werden sollte, so ist er auch der Bestimmende bei der Zusammensetzung des Bauwerks auf dem Grund. Die Materialien zu diesem höchst wundersamen Tempel holt er durch alle Zeiten hindurch aus den verschiedensten Völkern.
Ein Haus steht fest, wenn man tief gräbt und einen Felsen als Grund hat. Wenn aber der Felsen zerspringt, ist es vorbei mit dem Haus. Das Haus, das Gott baut, ist ein geistliches Haus, zusammengefügt durch Gottes Wort. Es bleibt stehen, wenn die Elemente in Brand geraten, ja es steht auch noch, wenn der erste Himmel und die erste Erde vergehen und das Meer nicht mehr ist. Offb. 21, 1.
Gut für jeden, der alle seine Interessen und alle seine Aktien in diesem Haus hat und persönlich ein Teil des Hauses ist.
Niemand kann einen andern Grund legen. Alles, was man außerhalb dieses Grundes baut, wird mit Feuer verbrannt werden.
Ebenso wie nun jeder der Heiligen wächst, so wächst auch der ganze Tempel. Wir werden zusammengefügt und zusammen mit den andern erbaut zu einer Wohnung Gottes im Geist.
Man hört oft, besonders wenn jemand wegen der einen oder anderen Sache beleidigt ist, dass man für sich alleine stehen könne. Gott dagegen sagt, dass wir zusammen mit den andern erbaut werden sollen. Er kann keine Steine verwenden, die sich nicht mit den andern zusammenfügen lassen. So wie der Grund nicht alleine bleiben kann, sondern all das trägt, was auf ihn gebaut wird, können auch wir nicht alleine sein. Wir brauchen die Unterstützung anderer, und sie benötigen die unsrige.
„Von dem aus der ganze Leib zusammengefügt ist und ein Glied am andern hängt durch alle Gelenke, wodurch jedes Glied das andere unterstützt nach dem Maß seiner Kraft und macht, dass der Leib wächst und sich selbst aufbaut in der Liebe.“ Eph. 4, 16.
Getrennt vom Leib Christi können wir nicht das Wachstum des Leibes wachsen, ebensowenig wie eine Hand oder ein Fuß getrennt vom Leib wachsen kann. Selbständigkeit existiert in einem Leib nicht, wohl aber in einer fleischlichen Phantasie. Im Leib ist jedes einzelne Glied zum Nutzen für die anderen Glieder da, und je mehr es andern dient, desto notwendiger und unentbehrlicher ist es. Wer der Größte sein will, der trachte nicht danach, für sich alleine zu stehen, sondern danach, den übrigen Gliedern im Leib soviel wie möglich zu dienen.
Wer hatte mehr als Christus Gelegenheit dazu, allein zu bleiben? Er, der seines Vaters Lust war, ehe die Welt existierte. Aber er wollte nicht alleine sein, er hatte seine Lust an den Menschenkindern.
Hätte nicht auch Mose die Möglichkeit gehabt, alleine zu sein als Sohn der Tochter Pharaos? Aber er erwählte lieber, zusammen mit Gottes Volk Ungemach zu leiden.
Ob nicht auch Josef allen Grund gehabt hätte, mit aller seiner Herrlichkeit in Ägypten alleine zu sein – nach all der üblen Behandlung, die er von seinen Brüdern erfahren hatte? Schon, aber er blieb nicht allein. Er hatte eine edlere Gesinnung. Er wurde zur Errettung für sein ganzes Geschlecht. Nimm dir nie vor, alleine zu sein. Wirst du beleidigt, so besiegst du dies in Gottes Kraft, denn es ist eine Ehre für alle seine Frommen, Vergehungen zu übersehen. Spr. 19, 11.
Es gibt eine Angelegenheit, bei der du dahin kommen sollst, alleine zu sein. Das ist, wenn du allen deinen Bekannten und Lieben im Lager Lebewohl sagen sollst, um zu ihm hinaus aus dem Lager zu gehen – seine Schmach tragend. Bist du aber erst einmal hinausgelangt, dann wirst du nie mit Jesus allein sein, denn er ist nicht einmal selbst allein. Er wandelt mitten unter den sieben goldenen Leuchtern, welche sind die sieben Gemeinden.
Es geht uns am besten, wenn wir mit Jesus Christus und mit einander zusammen sind. Auch wenn du alleine zu Jesus kommst, weil du wegen dem einen oder andern beleidigt bist, will er dich nicht alleine bei sich haben. Daher sagt er auch: Geh zuerst hin und versöhne dich mit deinem Bruder.
Jesus kam, damit wir alle in ihm eins seien, gleichwie der Vater und der Sohn eins sind. Denke daran, wenn du alleine sein willst. Lass das Kreuz die Feindschaft niederreißen, sodass du und die anderen in ihm eins werden, der uns alle liebt und sein Leben für uns gegeben hat.
