Liebe
Ist es Liebe, dass ein Mensch seine Zunge glatt und sein Angesicht strahlend macht, dass man Versprechungen macht, die niemals gehalten werden und seinem Nächsten ins Angesicht schmeichelt?
Diese Liebe wird ständig feilgeboten und ist sehr gefragt. Das Fleisch wird durch Heuchelei und Schmeichelei erquickt; und man schluckt die größten Dummheiten, wenn sie nur kräftig mit fleischlicher Süße gewürzt sind.
Wenn nun dies nur draußen in dem, was man „die Welt“ nennt, der Fall wäre, dann könnte man auch nichts anderes erwarten. Aber leider herrscht diese Heuchelei in so starker Ausprägung im Lager der Christen, dass man die Mitgläubigen, die von diesem Geist nicht befleckt sind, für hart, lieblos und unbarmherzig hält.
Man bildet sich in seinem fleischlichen Sinn vorgefasste Meinungen darüber, wie die Liebe aussehen soll, wenn sie tätig sein soll, und dementsprechend handelt man. Nach diesen Begriffen darf die Liebe sich nur als liebkosend, süß und nachgiebig erweisen und in all ihren Erscheinungsformen nie etwas anderes tun, als den Menschen gefällig zu sein.
Gottlose Menschen sind derselben Auffassung, weshalb sie auch sagen, Gott sei lieblos und hart, zumal er sich nicht in allen Dingen nach deren Vorurteilen über die Liebe richtet.
Es ist leicht zu verstehen, dass die oben genannte Liebe nur in Richtung von „schone dich selbst“ geht, eine Liebe, von der Jesus sagt: „Weiche von mir, Satan!“
Der Geist Gottes erforscht selbst die Tiefen der Gottheit, und in diesem Geist haben wir durch die Gnade Gottes Erkenntnis darüber bekommen, dass die Liebe zu Gott außerhalb all dessen liegt, was man in oben genannter Weise für Liebe hielt. Diese Liebe ist so tief, dass sie alles opfert, wovon man glaubte, dass man dafür gehegt und gepflegt werden sollte. Gott hat uns auf diese Weise Gelegenheit gegeben, uns selbst zu prüfen, ob wir willig sind, uns selbst zu opfern und dadurch zu beweisen, dass wir Liebe zu Gott besitzen.
Der beste Wein wird immer bis zuletzt aufgehoben, und nachdem der Mensch in seiner Torheit zweioder dreimal geredet hat, dann fragt Gott den Menschen:
„Wo warst du, als ich die Erde gründete?“ „Gürte deine Lenden wie ein Mann! Ich will dich fragen, lehre mich!“ Hi. 38.
Selbst ein Mann wie Hiob, der so redete, dass Fürsten schwiegen und Widersacher ihre Hand auf den Mund legten, räumte ein, dass er geredet hatte, was er nicht verstand, Dinge, die ihm zu wunderbar waren und die er nicht begreifen konnte. Und doch war er von nichts anderem als von der Liebe selbst behandelt worden.
Wir leben höchstens ca. siebzig Jahre lang hier auf Erden und haben in dieser Zeit reichlich Gelegenheit, die fleischlichen Begierden, die gegen die Seele streiten, zu verleugnen und dadurch im praktischen Leben zu beweisen, ob wir Liebe haben.
Denn Gott hat eine so große Liebe zu uns, dass er uns auf Kosten unseres egoistischen Lebens ein göttliches Leben – ein ewiges Leben – mit Gottes Natur schenken will. Der verfinsterte Mensch kann sich dies kaum vorstellen und sieht nur auf das Zeitliche, um aus seinem Umfeld alle möglichen Vorteile für das jetzige Leben zu ziehen. Alles, was den Berechnungen, die ihm passen, in die Quere kommt, hält er für böse, obwohl es mit ewigen Werten vor Augen zurechtgelegt ist.
Es gibt etwas, was „Geheimnis der Gottesfurcht“ heißt und was man nur durch Gottesfurcht bekommen kann. In diesen Geheimnissen verbirgt sich Erkenntnis über Gottes ewige und aufopfernde Liebe. Hat man nur einen Tropfen von dieser Liebe geschmeckt, dann wird dies so kräftig wirken, dass man für ewig alles verwirft, was die Menschen für Liebe halten.
Für diese Liebe ist kein Opfer zu groß; man versteht den Willen Gottes. Kein Hindernis kann unseren Lauf aufhalten, und keine Verschwörung kann uns mutlos machen. Denn der Herr ist mit uns, und was ist ein Mensch, dass wir uns vor ihm fürchten sollten? Haben wir gelernt, unser Leben hinzugeben, dann entfällt die Furcht vor dem, der es uns nehmen will. Das ist dieser Glaube, der die Welt überwunden hat; und das ist diese Liebe, die alles überwunden hat, was „schone dich selbst“ heißt.
