Gesammelte Schriften Band 2 • 1912 - 1917

Skjulte Skatter 1913-10 - Das Ephraim unserer Zeit

Gesammelte Schriften Band 2 • 1912 - 1917

Das Ephraim unserer Zeit

„Als aber Paulus von Gerechtigkeit und Enthaltsamkeit und von dem zukünftigen Gericht redete, erschrak Felix und antwortete: Für diesmal geh!“ Apg. 24, 25.

Hätte Paulus nicht lieber von Gnade, Liebe und Freiheit zu ihm reden können? Warum denn vom Entgegengesetzten: Gerechtigkeit, Enthaltsamkeit und Gericht?

Das Ephraim unserer Zeit hat vieles gemeinsam mit Felix. Sie sagen in ihren Herzen: „Geh“, rede nicht von Gerechtigkeit, Enthaltsamkeit und Gericht, das ist Knechtschaft. Wir lieben Freiheit in der Gnade; die Wahrheit macht uns zu Knechten, das Gericht erschreckt uns und Enthaltsamkeit wirkt qualvoll. „Für diesmal geh!“ Wir sollten lieber nach jemandem ausschicken, der uns Freiheit versprechen kann. Es macht nichts, wenn er selbst ein Knecht der Vergänglichkeit ist, wenn er uns nur Frieden, Frieden, Freiheit, Gnade und Liebe verkündigen kann.

Auch das alte Ephraim war so ein Wildesel, der seine eigenen Wege ging und mit Geschenken um Liebe buhlte. Hos. 8, 9. Als Gesetzloser fuhr Ephraim umher und suchte Liebe, die er nicht hätte erwecken sollen, bis es ihr selbst gefiel. Er suchte Verbindungen, wo der Herr Absonderung haben wollte. Er trachtete danach, sich im Leben das anzueignen, was seinem Fleisch angenehm war und ging tunlichst dem Kreuz und den Trübsalen aus dem Weg. Es wäre Knechtschaft für Ephraim, unter die Gesetze des Geistes zu kommen und einen Zaum ins Maul und Zügel über den Rücken zu bekommen. Nein, da war es besser, in der Freiheit umherzustreunen und von Buhlerei zu träumen. Denn man ist ja ins verheißene Land hineingekommen und hat den Jordan des Todes passiert. Jetzt kann man doch wohl von den Früchten des Landes essen und sich auf der Höhe zu Gilgal freuen.

Doch höre, Ephraim, was der Herr sagt: „All ihre Bosheit stammt von Gilgal her, sodass ich sie dort zu hassen begann; wegen ihrer schlimmen Handlungen will ich sie aus meinem Haus vertreiben; ich kann sie nicht mehr lieben; alle ihre Fürsten sind Abtrünnige!“ Hos. 9, 15.

Man sollte kaum glauben, dass eine Herde von Wildeseln Fürsten bräuchte; doch auch sie haben ihre Fürsten. Der Herr trifft den richtigen Namen, er nennt sie „Abtrünnige“. Sie rühmen sich der Freiheit und versprechen anderen Freiheit, deshalb buhlen sie im Vorhinein um Liebe und sind sorgfältig darauf bedacht, sich selbst wie auch die Schar, die sie anführen, vom Wort der Gerechtigkeit, der Enthaltsamkeit und des Gerichts weit weg zu halten. Sie haben durch Übung eine gewisse Fertigkeit erlernt, ihre große Kalkbürste in das einzutauchen, was sie selbst Liebe, Gnade und Freiheit nennen; und so übertünchen sie damit Wahrheit, Gerechtigkeit, Enthaltsamkeit und Gericht. Und je mehr sie dies übertünchen, desto mehr freuen sie sich, und die Wildesel jubeln allesamt über die Tüchtigkeit ihrer Fürsten.

Wir haben viel vom Spätregen gehört; ob nun nicht bald ein Platzregen kommt, sodass der Kalk, der die Leute verführt, den Weg alles Vergänglichen gehen kann. Wie gesalzen würde es doch schmecken, wenn die alte Wahrheit wieder zu ihrem Recht und wieder zu Macht käme, den Kalk zu durchdringen – nämlich die Wahrheit, dass jetzt die Zeit da ist, dass das Gericht anfängt an dem Hause Gottes, an uns. 1. Petr. 4, 17.

„Was soll ich dir tun, Ephraim? Was soll ich dir tun, Juda? Denn eure Liebe ist wie eine Wolke am Morgen und wie der Tau, der frühmorgens vergeht.“ Hos. 6, 4.

Eine sehr flüchtige Liebe! Vielleicht wird deswegen so viel von ihr geredet; aber sie ist und bleibt leider verschwunden. Die Sonne der Gerechtigkeit trieb die Wolke und den Tau weg, und die Liebe Ephraims verschwand. Hätte Ephraim im Innersten seines Herzens Liebe zur Wahrheit gehabt, dann hätte er sich im Sonnenlicht der Gerechtigkeit gefreut, aber nun verdampft das Ganze, und Ephraim schnaubt vor Zorn über die Kräfte, die seine Buhlerei verdunsten lassen.

Trotz all diesem soll man niemand schelten noch zurechtweisen, Hos. 4, 4. Denn dann glühen alle wie ein Ofen und verzehren ihre Richter. Hos. 7, 7.

Aber Ephraim ist wie eine törichte Taube geworden. Hos. 7, 11. Seine Fürsten haben ihn in Unwissenheit darniedergehalten, damit er sich umso leichter führen ließ. Seine Haare sind schon grau geworden, doch er will es nicht merken. Hos. 7, 9. Fremde fressen seine Kraft, aber er merkt es nicht. Er glaubt, dass er den Fremden gewinnen könnte, und weiß nicht, dass der Fremde ihn gewinnt.

So bleibt Ephraim dann zurück mit dem Bekenntnis über eine gewaltige Kraft, die längst verzehrt ist – jeglicher Erkenntnis von Gott beraubt und bereit, gegen die Wahrheit und das Licht zu kämpfen, das ihm Kraft und Lebensmut hätte geben sollen.

„Darum muss die Herrlichkeit Ephraims wie ein Vogel wegfliegen, dass sie weder gebären noch tragen noch schwanger werden sollen. Und wenn sie ihre Kinder auch großzögen, will ich sie doch kinderlos machen, sodass kein Mensch mehr da ist. Ja, weh ihnen, wenn ich von ihnen gewichen bin!“ Hos. 9, 11-12.

Stehe auf und kämpfe, Ephraim, rüste dich zu heiligem Krieg. Wenn du doch recht hättest, dass wir dich unterstützen könnten; denn wir vermögen nichts wider die Wahrheit. Doch wenn du an deinem Abfall von mir festhältst und deine Ehre dir verbietet, dich zu bekehren, dann wird das Schwert in den Orten Ephraims umgehen und ihre Riegel vernichten und sie wegen ihrer Ratschläge verzehren. Hos. 11, 6.

Lange haben die Fürsten Ephraims ihr Volk mit fleischlichen Witzen genährt, und die Verheißungen von Freiheit haben Ephraim zum Jubeln gebracht. Aber der Jubel nimmt ein Ende, wenn die Sonne der Gerechtigkeit ihre Strahlen über die Freiheit des Wildesels wirft. Die Morgenwolke verschwindet und der Tau geht weg. Die Liebe Ephraims gibt es nicht mehr.

Was wird dann aus Ephraims Fürsten? „Ach! Betroffen stehen sie da und können nicht mehr antworten; sie wissen nichts mehr zu sagen.“ Hi. 32, 15.

Hast du aber etwas zu sagen, Ephraim, so antworte mir. Sage an, ich will dir gern recht geben! Hi. 33, 32.

Kannst du aber nicht antworten, dann lege deine Hand auf den Mund und gestehe ein in deinem Herzen, dass du von dem geredet hast, was du nicht verstandest, von dem, was dir zu wunderbar war, von dem, was du nicht begriffen hattest.