Diener der Gemeinde
Lange genug haben die Evangelisten es als ihre Aufgabe betrachtet, neben der Verkündigung des Evangeliums auch den Dienst der Apostel, Propheten, Hirten und Lehrer auszuüben. So ist dann aber auch das Gemeindeleben geworden, wie es ist. Der Evangelist ist an seinem Platz, solange er das Evangelium predigt; aber wenn er später in ein fremdes Amt greift, um als Hirte und Lehrer die Neubekehrten auf dem Weg weiterzuführen, geht es schief.
Außer dem Evangelisten hat Gott Apostel in der Gemeinde eingesetzt, damit diese für die Gemeinden Fürsorge haben, Propheten, die eine göttliche Aufmerksamkeit wahren, Lehrer, um in der Lehre, die zur Gottesfurcht führt, zu unterweisen, und Hirten, um zu hüten und Wegleitung zu geben, bis wir alle hingelangen zur Einheit im Glauben an den Sohn Gottes und zur Erkenntnis des Sohnes Gottes, zur vollen Mannesreife und zum vollen Maß der Fülle Christi. Eph. 4, 13.
Nun aber hat der Evangelist, dessen Aufgabe darin besteht, die zu sammeln, die zur Gemeinde gehören, die schwere Aufgabe auf sich genommen, die Lämmer auf eigene Faust großzuziehen. Die Früchte dieser Torheit sind nun auch schon längst reif; denn in so gut wie jeder größeren Stadt ist die Gemeinde nach der „letzten Erweckung“ in zwei oder drei Parteiungen aufgespalten. Die Vorräte des Evangelisten sind aufgebraucht; und so hat man angefangen, einander zu beißen, weil die Krippe leer war. Die neubekehrte Seele hat in dem Evangelium, das nur den Sündern gilt, auf die Dauer nicht genug Nahrung gefunden und ist deshalb schließlich an geistlichem Hunger zugrunde gegangen. Zwar ist man mit der letzten Erweckung durch das Annehmen der Geistestaufe und der Gabe der Zungenrede einen Schritt weiter als bis zur alten Knechtschaft gekommen; aber trotz der vielen Zerwürfnisse und dem großen Abfallen hat man immer noch keine geöffneten Augen für die übrigen Gnadengaben und Personen bekommen, die Gott in der Gemeinde eingesetzt hat, damit das Ganze zu einem gesunden Wachstum im Glauben zusammenwirken kann.
Wenn wir die Geschichte von Israel betrachten, sehen wir, welche Aufgabe der Prophet hatte und wie notwendig diese war, wenn alles in der Gemeinde in Ordnung gehalten werden sollte. Als es sich hinzog, bis Mose vom Berg zurückkam, scharte sich das Volk um Aaron und sprach: Auf und mach uns einen Gott, der vor uns hergehe! Denn wir wissen nicht, was diesem Mann Mose widerfahren ist, der uns aus Ägyptenland geführt hat. Aaron sprach zu ihnen: Reißt ab die goldenen Ohrringe an den Ohren eurer Frauen, eurer Söhne und eurer Töchter und bringt sie zu mir. Und er nahm sie von ihren Händen und machte ein gegossenes Kalb. 2. Mos. 32.
Dies hätte Mose nie getan. Er war ein Prophet einer kraftvolleren Art, ein Prophet, von dem der Herr sagte: „Wenn jemand unter euch (Aaron und Mirjam) ein Prophet des Herrn ist, dem will ich mich in einem Gesicht offenbaren, oder ich will in einem Traum zu ihm reden. Aber nicht so mein Knecht Mose: er ist treu in meinem ganzen Haus. Mit ihm rede ich von Mund zu Mund.“ 4. Mos. 12, 6 ff.
Als Mose vom Berg herab kam, sah er, dass das Volk zügellos war; denn Aaron hatte es zügellos gemacht, zum Gespött unter ihren Widersachern. 2. Mos. 32, 25.
Mose war kein Evangelist und auch kein Redner, doch Aaron konnte gut reden. Aber trotz seiner Redegaben vermochte Aaron das Volk nicht zu leiten. Er war zu schwach und hatte keine klaren Verbindungslinien mit Gott. Nur in der Nacht im Traum konnte Gott zu ihm reden. Tagsüber war er damit beschäftigt, auf das Volk zu hören und dessen Stimme zu gehorchen, wie es auch Saul zu seiner Zeit zu seinem eigenen Verderben tat. 1. Sam. 15, 24.
Aaron war nicht imstande, dem Volk geistliche Nahrung zu beschaffen, die Disziplin hörte auf, das Volk wurde zügellos und verlangte nach einem gegossenen Gott.
Ist es heutzutage nicht auch so, dass man sich Götter anfertigt, eben weil einem die geistliche Nahrung ausgeht und man dem Volk gefallen will?
Wie Aaron sich vom Volk allen Schmuck bringen ließ, um daraus ein goldenes Kalb zu gießen, damit sie sich daran erfreuen konnten, so erlässt man nun Aufrufe an das Volk an jedem Ort, an dem Gott seine Heiligen mit geistlichen Gaben geschmückt hat, dass diese schnellstmöglich Berichte von Krankenheilungen, Erweckungen, Geistestaufen und von der Gabe der Zungenrede einsenden sollen. Aus diesem Schmuck fertigt man dann ein goldenes Kalb an, um das man herumtanzt. Von Mose und seinen Gesetzestafeln ist man freigemacht, und der Jubel des Volkes ist weithin zu hören. Siehe Ri. 8, 22-27, wie Gideon Früchte des Sieges einsammelte, um sich mit ihnen wie mit einem Leibrock zu kleiden. Damit trieb Israel dann Abgötterei, und es wurde Gideon und seinem Haus zum Fallstrick.
Es rächt sich, wenn man verwirft, was Gott in der Gemeinde eingesetzt hat. Würde man seine Augen öffnen, um zu sehen, und seine Ohren, um zu hören, und seinen Verstand gebrauchen, um zu verstehen, dann würde es jedem gesund denkenden Menschen aufgehen, dass die Gemeinden der heutigen Zeit sich in einer viel zu schlechten Verfassung befinden, eben darum, weil die Apostel, Lehrer, Propheten und Hirten ihren Dienst nicht versehen dürfen.
Und wer trägt die Verantwortung? Der Evangelist sammelt zu sich selbst und dem Seinen. Als einer, der selbst unwissend ist, hält er das Ganze nieder in Unwissenheit und umgibt sich mit der neubekehrten Schar, die von Gott der Gemeinde hinzugefügt werden sollte. Und warum tut er das? Um eine Schar von Zuhörern unter seiner Kanzel zu haben und damit die Kollekte durch die Vielen umso größer werden soll. Die Sünde liegt also in der Ehre und in der Sorge um den Lebensunterhalt, und dies alles hat seine Wurzel im Unglauben.
Aber gepriesen sei Gott, dass es nun auch auf diesen Gebieten hell wird und der Tag anbricht. Wir haben das Vertrauen zu Gott, dass sein Volk bald so viel Erkenntnis und soviel Licht bekommen wird, dass sie in den verschiedenen Dingen selbst sehen, hören, verstehen und richten können.
