Was ist Liebe?
Das Zentrale in der Eigenliebe ist „ich“, „mir“ und „mein“. Man ist wie eine Spinne in der Mitte ihres Netzes und hält alle Fäden in der Hand. Alles dreht sich um mich selbst. „Ich“ bin König. „Ich“ bin Gott. „Ich“ muss geliebt, geehrt und angebetet werden – sonst wird „mein“ Zorn entfacht. „Ich“ habe nichts wegzugeben, ohne anderswo vollen Ersatz dafür zu erhalten; doch „ich“ kann alles gebrauchen, und „mir“ steht alles zu.
Die Kraft der Eigenliebe ist aus allen Richtungen auf das „Ich“ gerichtet. Nichts strömt in die entgegengesetzte Richtung – hinaus zu den anderen.
Die Liebe Gottes lässt ihre Sonne aufgehen über Gerechte und Ungerechte; er lässt es regnen über Böse und Gute. Alle Güte strömt hinaus – nichts ist einem so wertvoll, dass man es nicht hergeben könnte. So wie die Sonne uneigennützig scheint und alles hervorbringt, was wir an Nahrung und Kleidung nötig haben, wirkt auch die Liebe Gottes und gibt uns alles, was zum Leben und zum Wandel in Gottesfurcht dient.
Die Eigenliebe fördert nur eine Person – das „Ich“. Da aber diese Person immer das Objekt der Eigenliebe sein will, wird die Person selbst der Eigenliebe untergeordnet. Und weil die Eigenliebe allezeit auf seelische Weise ausschließt und absondert, wird diese Person – dieses „Ich“ – bald eine Beute der erdrosselnden Macht der Eigenliebe werden – die Satan selbst ist. Die Eigenliebe umschließt ihr Opfer und tötet es mit einem fürchterlichen Tod.
Die Liebe Gottes ist durch den Heiligen Geist ausgegossen in unsere Herzen. Diese Liebe macht uns zu Teilhabern ihrer selbst, sodass wir selbst Herren werden und überall Personen finden, auf die wir die Güte wirken lassen können. Gottes Liebe macht uns in einem großen Bereich wirksam – auf der ganzen Erde. Die Eigenliebe hingegen findet nur eine einzige Person, das „Ich“, und selbst diese Person misshandelt und tötet sie.
Weil die Liebe Gottes mitteilsam ist und Leben und Freude schafft, wo sie wirken darf, ist sie auch begehrt und geliebt, während die Eigenliebe überall gehasst wird.
Christus ist aufgefahren in die Höhe und hat den Menschen Gaben gegeben. Wollen wir Gaben haben, die wir austeilen können, müssen wir so hoch über den Staub der Erde auffahren, dass wir einen Überblick über die Not bekommen können, die unter den Menschenkindern herrscht. Weil nun diese Gaben unentgeltlich ausgeteilt werden, werden sie durch ihre Uneigennützigkeit in Staunen versetzen. So werden sogar die Menschen mit der größten Eigenliebe eine Liebe ahnen können – weit weg – in der Höhe, die von ganz anderer Natur ist als die Liebe, in der sie ihr Dasein zubringen. Darum heißt es, dass uns Gottes Güte zur Buße leitet. Wir werden Gegenstand einer Liebe außerhalb von uns selbst – einer Liebe, die hoch erhöht über unsere Eigenliebe ist. Diese Liebe wirkt wohltuend; man bewundert sie und wendet sich ihr zu, um sie zu erlangen, so wie sich die Blätter einer Zimmerpflanze der Sonne zuwenden. Das ist echte Umkehr. Wenn man dann wie die Pflanze unter der Einwirkung der Sonne der Gerechtigkeit bleibt, wird man bald anfangen zu blühen und lieblich zu duften. Man hat bereits etwas bekommen, das man austeilen kann. Die Liebe Gottes hat etwas von ihrer eigenen Natur in uns gelegt. Man vergisst die Eigenliebe und findet Freude daran, im Licht zu bleiben und das auszuteilen, was durch dessen Wirkungen in uns hervorsprießen kann.
Ein reicher Mann in der Welt kann – wenn er gut ist – viel Gutes tun, er kann viele erfreuen. Wer sich Reichtümer in Gott gesammelt hat, kann auf dieselbe Weise von dem nehmen, was er hat, und viele glücklich machen. Hat er Reichtum im Überfluss, kann er seine Freunde bewirten, ohne Angst haben zu müssen, dass ihm das Essen ausgeht. Wenn nun die irdischen Schätze im Zeitlichen glücklich machen können, um wie viel wertvoller müssen dann die himmlischen Schätze sein, die uns ewig glücklich machen.
Die Liebe Gottes findest du, indem du von ihr ergriffen wirst. Du bekommst sie umsonst, und du wirst auch umsonst von ihren Früchten austeilen können.
