Wahrheit wird aus der Erde sprossen
Pilatus fragte einmal: „Was ist Wahrheit?“ Aber Jesus gab ihm aus gutem Grund keine Antwort. Man könnte erwarten – was manche auch glauben – dass die Wahrheit auf den großen religiösen Höhen da hervorsprießt, wo man am meisten Ansehen genießt. Dies ist jedoch nicht der Fall.
„Die Wahrheit wird aus der Erde sprossen und Gerechtigkeit vom Himmel herabschauen.“ Ps. 85, 12.
Aus der Niedrigkeit wächst Wahrheit hervor, vom Geringen und Elenden. Die Großen der Welt geben darauf nicht Acht; aber droben im Himmel ist einer, der gerecht ist; er schaut vom Himmel herab, um der Wahrheit Recht zu geben.
Die Prediger unserer Zeit haben viel zu hohe Augen, als dass sie in die Niedrigkeit hinabsehen und die Wahrheit entdecken könnten, die aus der Erde sprosst. Der Gerechte sieht nach unten; daher kennt er auch die Rechtssache des Geringen. Aber der Aufgeblasene, der etwas sein will, schaut auf zu weltlichem und religiösem Ansehen.
Gott ist gerecht – er schaut vom Himmel herab, um den zu stärken, der von ganzem Herzen an ihm ist.
Johannes hatte keine größere Freude als die, dass seine Kinder in der Wahrheit wandelten. 3. Joh. 4. Das heißt, dass sie in der Niedrigkeit wandelten – in dem, was Gott aus der Erde sprossen ließ.
Ebenso wie eine Decke über allem Herrlichen liegt, so auch über der Wahrheit. Wenn daher der Geist uns in alle Wahrheit leiten will, tut er dies dadurch, dass er uns davon überzeugt, dass wir in die Niedrigkeit hinunter gehen müssen, wo die Wahrheit aus der Erde sprosst. Sie ist leicht zu finden von einem zerbrochenen Herzen und einem zerschlagenen Geist, aber niemals von Aufgeblasenheit.
„Und was vom Hause Juda errettet und übriggeblieben ist, wird von neuem nach unten Wurzeln schlagen und oben Frucht tragen.“ 2. Kön. 19, 30.
Je tiefer hinab, desto höher hinauf. Der Verständige gräbt tief und legt sein Fundament auf den Felsen. Wenn dann der Grund auf den soliden Felsen gelegt ist, kann der Verständige weiter in die Höhe bauen als diejenigen, die auf Sand gegründet haben.
Du, der du neu bekehrt bist, habe es nicht eilig damit, nach oben kommen zu wollen; sondern tue Fleiß, tief zu graben, so wird dich Gott zu seiner Zeit nach oben kommen lassen.
Wir sehen in unseren Tagen viele Prediger hoch emporragen; aber einer nach dem anderen verschwindet, weil sie nicht von Anfang an tief gegraben haben.
Paulus zerstörte Gedanken und alles Hohe, das sich gegen die Erkenntnis Gottes erhob. Dies konnte er tun, weil er tiefe Wurzeln nach unten hatte.
