Wer soll die Speise von Gott darreichen?
(Fortsetzung der vorigen Ausgabe)
Das vorige Mal war davon die Rede, wer zum Tisch des Herrn herzutreten soll, um die Speise seines Gottes darzureichen. Lasst uns nun Priester betrachten, die einen anderen Dienst auszuüben haben – einen Dienst, der nicht diese absolute geistliche Makellosigkeit erfordert, wie sie in 3. Mos. 21 beschrieben ist. Wir lesen in dieser Verbindung Hes. 44, 10 ff.:
„Sondern die Leviten, die von mir abgewichen sind, als Israel von mir abfiel und irreging, ihren Götzen nach, die sollen ihre Sünde tragen und sollen in meinem Heiligtum Dienst tun als Hüter an den Türen des Hauses und als Diener des Hauses. Sie sollen das Brandopfer und das Schlachtopfer für das Volk schlachten und sollen vor ihnen stehen und ihnen dienen.
Weil sie ihnen gedient haben vor ihren Götzen und dem Hause Israel einen Anlass zur Sünde gegeben haben, darum habe ich meine Hand gegen sie erhoben, spricht Gott der Herr, dass sie ihre Sünde tragen müssen.
Und sie sollen mir nicht nahen, um mir Priesterdienst zu tun, und sollen zu dem, was mir heilig ist, und an die hochheiligen Opfer nicht kommen, sondern sollen ihre Schande tragen für ihre Gräuel, die sie getan haben.“
Wir haben hier eine Gruppe von Priestern vor uns, die Priester für das Volk sind, aber nicht für Gott. Diente das Volk dem Herrn, dann dienten auch die Priester dem Herrn. Wenn das Volk aber abwich und anfing, den Götzen zu dienen, dann folgten die Priester dem Volk und verrichteten Priesterdienst für Baal.
Das Volk hatte das Getreide, den Most und das Geld, und davon sollten die Priester ihren Lebensunterhalt beziehen. Es lag deshalb nahe, sich dem Volk anzupassen und ihm gefällig zu sein. Zwar hätten die Priester treu im Heiligtum des Herrn aushalten sollen, auch wenn die Vorratskammern leer wurden, und hätten von dort aus das Volk ermahnen sollen, am Herrn festzuhalten. Aber dies taten sie nicht. Sie riskierten lieber, sich mit dem Herrn zu entzweien, als sich beim Volk unbeliebt zu machen. Was würde geschehen, wenn das Volk etwas gegen sie bekäme? Wie würde es weitergehen, wenn die Leute den Zehnten kürzen würden? Ja, sie waren wirklich in einer schwierigen Lage; und so ließen sie der ganzen Entwicklung, was den Tempel des Herrn und den Gottesdienst betraf, freien Lauf, wenn sie nur das bekamen, was sie haben wollten: Ansehen beim Volk und den Zehnten.
Solche Priester nennt die Schrift Priester für das Volk. Aber Priester ohne Makel sind sie nicht. Und doch soll ihnen erlaubt werden, einen äußeren Dienst auszuführen, nämlich die Türen des Hauses zu bewachen und im Haus zu dienen. Aber wenn das Volk sich wieder zum Herrn bekehrt hat, will Gott solche Priester nicht in seiner heiligen Nähe haben. Wohl können sie am Eingang stehen und das Volk zur Vergebung der Sünden einladen, wie ihnen auch das Recht zugestanden wird, Übertretungen zu tadeln – was dem Putzen und Staubwischen in einem Hause entspricht und Aufgabe eines Hausdieners ist.
Sie dürfen sich jedoch nicht zum Herrn nahen, um ihm als Priester zu dienen. Es soll ihnen nicht erlaubt werden, einen inneren Dienst zu verrichten. Sie dürfen sich nicht den heiligen und hochheiligen Dingen nahen. Es wird ihnen nicht gestattet, eine Seele in ein tieferes geistliches Leben hineinzuführen.
Wohl können sie das Brandopfer und das Schlachtopfer für das Volk schlachten. Sie können Erlaubnis bekommen, Christus als Schlachtopfer zu verkündigen - als das Lamm, das der Welt Sünde trägt. Aber sie dürfen sich nicht dem Vorhang nahen, wo sie mit den hochheiligen Dingen und mit dem Tisch des Herrn in Berührung kämen. Geistliche Speise, die als Nahrung zur Heiligung dienen kann, dürfen sie nicht darreichen.
Ob die Welt sich seit jenen Tagen verändert hat? Ist es nicht vielmehr so, dass diejenigen, die Priester für das Volk sind, Überfluss haben an allem, was sie benötigen, während die gottesfürchtige Seele in ihrer Armut im Geist, ohne etwas dafür zu verlangen, predigt und es ihr oftmals an den notwendigsten Gütern fehlt? Möge Gott uns die Augen öffnen, sodass wir sehen können.
Die Priester des Volkes bekommen ihren Lohn und ihr Ansehen vom Volk – selbst die ruchlosesten Menschen gehören ihrer Gemeinde an. Es ist eine freizügige Gemeinde, wo Theater und Wirtshäuser, Gefängnisse und Versammlungssäle, Kirchen und Zwangsanstalten als zugehörig betrachtet werden. Der Totschläger gehört ebenso wie der, der totgeschlagen wird, der Gemeinde dieses Priesters an.
Pfarrer und Prediger, wie sie eben geschildert wurden, haben gewiss einen Dienst auszuführen, aber dies ist ein äußerer Dienst. Will daher jemand zu einem tieferen geistlichen Leben vordringen, so darf er niemals solche Priester um Rat fragen; denn zu den hochheiligen Dingen und dem Tisch Gottes haben sie noch nie Zugang gehabt. Aus eben diesem Grund glauben sie auch, dass alle, die sich nicht innerhalb ihrer Reichweite aufhalten, in die Irre gehen.
Es gab jedoch einige Priester, die sich in der Prüfung bewährten. V. 15.
„Aber die levitischen Priester, die Söhne Zadok, die den Dienst an meinem Heiligtum getan haben, als die Kinder Israel von mir abfielen, die sollen vor mich treten, um mir zu dienen, und vor mir stehen, um mir Fett und Blut zu opfern, spricht Gott der Herr.
Sie sollen hineingehen in mein Heiligtum und vor meinen Tisch treten, um mir zu dienen, und sollen meinen Dienst tun.“
Wir sehen hier einige Priester nach dem Herzen Gottes. Sie standen treu und fest auf Gottes Seite, als das Volk irreging. Zwar ermahnten sie, solange es irgendwie möglich war, das Volk, von seinen Irrwegen abzulassen. Als aber alle ihre Bemühungen nichts fruchteten, überließen sie das Volk sich selbst und hielten selbst fest am Herrn.
Diese Priester sind es, die auch in der heutigen Zeit den Dienst versehen, den der Herr versehen haben will. Sie sollen zum Tisch des Herrn herzutreten, um die Speise ihres Gottes darzureichen; denn in den Augen des Herrn sind sie frei von Gebrechen.
Aus all diesem lernen wir, dass Gott es genau nimmt, sehr genau. Es wird in der heutigen Zeit viel gepredigt; aber es darf niemand glauben, dass alle diese Prediger vor dem Angesicht Gottes gestanden sind und geistliche Speisen vom Tisch ihres Gottes geholt haben. Das Gewöhnlichste ist, dass man vor dem Angesicht des Volkes steht und seine Rede auf das abstimmt, was dessen Gefallen findet. Das ist nicht nur bei der mündlichen Verkündigung so, sondern auch bei dem, was man schreibt.
Möge Gott uns Gnade geben, dass wir nicht den Menschen gefällig sind, sondern als Diener Christi in allem, was wir reden oder schreiben, ihm zu gefallen suchen, der uns von der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht berufen und uns zu Königen und Priestern gemacht hat für unseren Gott. Offb. 5, 10.
