Gesammelte Schriften Band 2 • 1912 - 1917

Skjulte Skatter 1915-01 - Diener des Herrn und Gemeindediener

Gesammelte Schriften Band 2 • 1912 - 1917

Diener des Herrn und Gemeindediener

„Und diese sollen zuerst erprobt werden; dann sollen sie dienen, wenn sie untadelig sind.“ 1. Tim. 3, 10.

Sie sollen in der Gemeinde dienen – nicht herrschen und nicht darauf aus sein, sich bedienen zu lassen. Sie sollen das Geheimnis des Glaubens in einem guten Gewissen bewahren und ihren Kindern und ihrem eigenen Haus gut vorstehen.

Früher ließ man sich gerne Rabbi, Rabbi nennen, aber nun möchte man am liebsten Pastor, Pastor heißen, um damit zu bekunden, dass man einen Kopf größer als seine Mitbrüder ist. Ein Kurs bei der einen oder anderen religiösen Anstalt berechtigt zu diesem begehrten Titel.

Aber was sagt die Schrift? „Und ihr sollt euch nicht Lehrer nennen lassen; denn einer ist euer Lehrer, Christus.“ „Ihr aber seid alle Brüder.“ Das ist dasselbe, wie wenn er sagen würde: Ihr sollt euch nicht Pastor nennen lassen.

Die Gemeinde, die Sein Leib ist, besteht aus vielen Gliedern. Alle diese haben ihre besonderen Eigenheiten und jeder einzelne muss auf seine Weise behandelt werden. Ab und zu eine Predigt an die ganze Versammlung reicht nicht aus. Jeder einzelne muss ermahnt, angeleitet, getragen werden und ihm muss über Schwierigkeiten hinweg und durch Schwierigkeiten hindurch geholfen werden. Paulus hat jeden einzelnen unter Tränen ermahnt. Die Glieder am Leib, die am geringsten zu sein scheinen, sollen mit größerer Ehre umgeben werden, sodass ein Ausgleich geschehen kann.

Was wird aber heutzutage meistens getan? Die Glieder, die am meisten von den Gütern dieser Welt, die größte weltliche Weisheit (die fleischliche, weltliche und teuflische) und den höchsten weltlichen Rang haben, diese Glieder werden geehrt und wertgeschätzt und den armen, weniger bemittelten Personen vorgezogen, deren Fleisch zwar als Rechengröße zum Füllen der Listen betrachtet wird, die aber nie wertgeschätzt werden als Menschen und Persönlichkeiten, aus denen der Herr ein Gefäß zu Ehren machen könnte – vielleicht mehr als aus den Reichen dieser Welt. „Ihr habt dem Armen Unehre angetan. Sind es nicht die Reichen, die Gewalt gegen euch üben und euch vor Gericht ziehen?“ Jak. 2, 6.

„Wenn ihr aber die Person anseht, tut ihr Sünde und werdet überführt vom Gesetz als Übertreter.“ V. 9. Kein Wunder, dass alles, was Freiheit heißt, weg ist.

Ein Diener der Gemeinde hat zuallererst den Eingeschüchterten zu helfen, die Fesseln des Jochs zu sprengen und den Gefangenen in Freiheit zu führen. Aber um das tun zu können, muss er wissen, wie es um jeden persönlich bestellt ist. Dieser Dienst erfordert wiederum, dass man demütig ist, dass man sich auf einer Ebene mit den anderen bewegt und dass man die Bedürfnisse von jedem einzelnen kennt. Hat man dieses Wissen und diesen Dienst bekommen, dann empfindet man den Titel Pastor geradezu als Abscheu und Hemmschuh, dessen man sich auf schnellstem Weg entledigt.

Petrus! Hast du mich lieb? Ja, Herr. Weide meine Lämmer. Petrus! Hast du mich lieb? Ja, Herr. Hüte meine Schafe. Petrus! Hast du mich lieb? Ja, Herr, du weißt, dass ich dich liebhabe. Weide meine Schafe.

In Liebe zu Christus bekam Petrus einen immer größeren Dienst; aber es wurde von ihm verlangt, dass er es aus Liebe zu Christus tat. Die Lämmer sollten geweidet werden und die Schafe gehütet und schließlich auch geweidet werden. Sie sollten nicht alle auf dieselbe Weise behandelt werden.

Aber nur in der Liebe vermag man herauszufinden, wie man jeden persönlich behandeln soll. Der Egoismus findet nur die reichsten und angesehensten Menschen; und um selbst etwas zu sein, um Vorteile erlangen zu können, ist es nötig, Pastor, Pastor zu sein, genau so wie man früher Rabbi, Rabbi war.

Aber für solche „Rabbiner“ hat die Gemeinde äußerst wenig Bedarf, dagegen haben die „Rabbiner“ großen Bedarf für die Gemeinde.

Diejenigen, die in der Erkenntnis Gottes unterrichtet werden sollen, muss man mit einem Ziel vor Augen behandeln. Man darf das Ziel unter den vielen Auseinandersetzungen und Schwierigkeiten niemals aus den Augen verlieren. Alles, was sich gegen die Erkenntnis Gottes erhebt, muss niedergebrochen werden; aber meistens erfordert die Arbeit damit die List der Schlange und die Einfalt der Taube. Aber wenn das ewige Band der Liebe geknüpft worden ist, erduldet man es gerne, niedergebrochen zu werden; besonders wenn der betreffende Diener es versteht, anstelle dessen etwas Besseres einzusetzen.