Gesammelte Schriften Band 1 • 1890 - 1911

Brief an Aksel Smith, 18. Januar 1906

Gesammelte Schriften Band 1 • 1890 - 1911
Horten, 18. Januar 1906
Lieber Bruder Aksel,

vielen Dank für deinen lieben Brief. Ich bin nun als Schiffsunteroffizier an Bord der „Tordenskiold“ und soll an deren Mittelmeerfahrt teilnehmen. Ich kam Hals über Kopf an Bord für einen, der krank wurde. Mit Truslev habe ich an Bord ein bisschen gesprochen, doch wir hatten bis jetzt mit der Mannschaft alle Hände voll zu tun. Ich hoffe, das wird besser. Heute Abend habe ich Landgang bis 23.30 Uhr.

Man könnte über allerlei schreiben, aber was wir zuallererst benötigen, ist die Stärke und Kraft des Geistes. Theorien über die Sache werden uns nicht helfen, sondern Gottes Kraft. Theologie ist die Lehre über Gott, aber die Person Gott ist viel mehr als die Lehre über ihn. Sich in Gott zu entwickeln führt zu Gewissheit und Kraft im Geist. Aber die Lehre über Gott gibt keine Stärke. Die Stärke des Herzens ist besser als die Stärke von Muskeln. Die Ruhe des Herzens ist Balsam von Gilead. Und nimmst du die Rose mit fleischlicher Hand, dann wird sie sich schließen und dir nur zum Band. Daher kann man in dieser Sache nichts hinzutun oder wegtun. Man ist dazu bestimmt, entkleidet zu werden. Wie wunderbar. Wenn man meint, etwas zu besitzen, dann ist man reif dafür, von einem weiteren Kleidungsstück entkleidet zu werden; denn man reift und gesundet nach jeder weiteren Entkleidung.

Daher ist das Werk von Gott und nicht von uns. Wäre es von uns, dann würden wir nicht entkleidet, sondern überkleidet werden. Das heißt, wir würden von Herrlichkeit zu Herrlichkeit wachsen, ohne entkleidet zu werden, und auf diese Weise groß werden. Als du jünger warst, sagt Jesus zu Petrus, gürtetest du dich selbst und gingst, wohin du wolltest; wenn du aber alt geworden bist, wird ein anderer dich gürten und führen, wohin du nicht willst. Hieraus ersehen wir, dass in Christus vorwärtszugehen bedeutet, dass wir den Weg geführt werden, den wir nicht wollen.

Du wirst wohl kaum die Clique verlassen, in der du dich befindest, wie ich auch Truslev habe sagen hören. Doch es ist Gott und nicht die Clique, worauf man bauen muss. Daher darfst du dich nicht darüber wundern, dass die ganze Clique eines schönen Tages auseinanderfällt. Du musst dich am Felsen festhalten, selbst wenn um dich herum Steinlawinen niedergehen. Wenn Gott uns prüft, dann gilt es festzuhalten. Das ist ziemlich leicht, solange Gott zugesteht, was noch in Richtung weltlicher Ehre geht, was er oft zu Anfang mit uns macht, damit wir nicht zerbrechen sollen. Man wird bestimmt etwas ganz anderes empfinden, wenn der Wille Gottes anfängt, uns in die Richtung zu treiben, die die Welt für Schmach ansieht. Dann fragt es sich, ob wir Gottes Ehre höher achten als die Ehre von Menschen. Gott baut etwas auf und reißt es nieder an einem Tag und wer wagt zu sagen: Was machst du? Denn Gottes Gerechtigkeit ist auch dann zugegen, wenn er unser Leben nimmt. Von all diesem kann man wissen; aber man muss doch so handeln, als wüsste man nichts darüber. Darum tust du gut daran, wenn du Versammlungen bei dir zuhause abhältst. Und du tust gut daran, jeden in deiner Clique mit Liebe zu umgeben. Vielleicht könntest du sie dann in der Stunde der Prüfung so weit gewonnen haben, dass sie durch deine Festigkeit standhalten. Lebe nun von Herzen wohl und bleibe in der Liebe samt Verträglichkeit und Geduld gegenüber allen, mit denen du zu tun hast. Dann wird deine Arbeit im Herrn für dich und für sie nicht vergeblich sein.

Grüße zuhause und sei selbst aufs Beste gegrüßt.

Dein Johan

Adr.: «Tordenskiold», Horten bis zum 1. Februar