nun bin ich eben vom Büro gekommen und, obwohl wir so viel miteinander gesprochen haben, muss ich dir wieder ein paar Worte schreiben. Danke für das gestrige Zusammensein, das ja bis heute ging.
Was Madame Guyon betrifft, sind wir uns ja einig, dass sie eine heilige Frau war, die von Gott Gnade bekam, eine Menge tiefgründiger Wahrheiten niederzuschreiben. Trotzdem glaube ich, dass man, um seine individuelle Originalität zu bewahren, Madame Guyon mit einem prüfenden Blick und einem kühlen Kopf lesen muss, damit man immer selbst die Hauptperson bleibt, die alles prüft und beurteilt. Wir sind ja verschiedene Glieder am Leib und jedes Glied hat seine ihm zugemessene Aufgabe. Deshalb ist es nicht sicher, dass die Aufgabe von Madame Guyon und unsere dieselbe ist. Jetzt soll unser persönlicher Dienst vollkommen gemacht werden und dieser darf nicht dadurch gehindert werden, dass wir zu sehr im Dienst eines anderen aufgehen. Es gibt Tendenzen in uns, uns vollständig den Personen hinzugeben, zu denen wir Vertrauen haben. Aber hier liegt eine ziemlich große Gefahr, denn man riskiert, seine Persönlichkeit zu verlieren und denjenigen, den man bewundert, Hauptperson werden zu lassen. Hierdurch reduziert man sich selbst in dem Maß, dass man zuletzt nur eine Nebenperson wird, ein Schmarotzer. Auf diese Weise kommt man auch aus dem Willen Gottes mit sich heraus. Denn Gott will, dass jeder lebendige Stein etwas Individuelles sein soll. Daher kann man in Offb. 21, 19 lesen, dass die Grundsteine der Stadtmauer zwölf verschiedene Steinsorten enthielten.
Auch wenn man dies ganz klar vor Augen hat, dann sollte es uns natürlich nicht daran hindern zu lesen, was uns nützen und unsere Entwicklung fördern kann. Aber sich mit Herz und Sinn ohne das oben aufgezeigte Verständnis hinzugeben, ist ungesund, glaube ich, und kann uns unserer angeborenen Charakterzüge und unserer Originalität berauben.
Christus litt geduldig um der Freude willen, die vor ihm lag. Je höher das Ziel war, das er vor sich hatte, desto mehr konnte er leiden. Daher gilt es nun für uns, „die vor uns liegende Herrlichkeit“ nicht unter den Nullpunkt zu reduzieren. Wir könnten sonst die Wahrheit des in dem Wort des Apostels bestätigt finden: Hoffen wir allein in diesem Leben auf Gott, so sind wir die Elendesten unter allen Menschen. Wir wissen: was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, hat Gott bereitet denen, die ihn lieben. Diese Hoffnung gibt Mut. Wer diese Hoffnung hat, der reinige sich selbst. Mit einer guten Hoffnung als Grundlage kann man sich selbst reinigen.
Wenn Paulus wünschte, verflucht und von Christus getrennt zu sein für seine Brüder, seine Verwandten nach dem Fleisch, dann hatte er dabei ein großes Ziel – nämlich alle seine Verwandten nach dem Fleisch. Er bezeugte dies im Heiligen Geist, in demselben Geist, den Christus hatte, er, der für uns zum Fluch gemacht wurde. Es liegen große Ziele hinter diesem Verfluchtsein und ohne diese Ziele hätte man nicht durchgehalten.
Es ist immer so gesegnet, sich mit dir zu unterhalten, lieber Bruder. Es gibt ja niemanden, mit dem ich so verständig und ebenbürtig über göttliche Dinge reden kann wie mit dir. Ich glaubte beinahe, dass du um Anthony besorgt gewesen wärst, dass ich zu hart gewesen wäre. Daher habe ich dich auch alles von Anfang an wissen lassen, sodass du volles Verständnis dafür bekommen konntest, bevor du dich äußertest. Du bist ein ganzes Stück in meiner Achtung gestiegen, weil du es ganz angebracht fandest, dass man mit vollem Recht in die Tiefe bis zur Wurzel untersuchen könne, wenn der Betreffende dazu Anlass bot.
Ja, meine Aufgabe ist ja nicht gerade zu loben, es sei denn, dass das Lob ebenso angebracht ist wie das Niederreißen. Daher glaube ich, dass du das Lob mit redlichem Sinn annehmen kannst.
Einen brüderlichen Gruß im Herrn. Lebe wohl.
Dein Johan