Röm. 7 und Röm. 8
Im „Missionæren“ Nr. 20 macht B. Hjelle folgende Aussage: „Mit einer vorurteilsfreien Betrachtung des Wortes und einer entsprechenden wirklichen Erfahrung darin, vom Gesetz und der Sünde freigemacht zu sein, wird man herausfinden, dass Paulus hier seinen Zustand und den aller Gläubigen beschreibt, während sie sich als unglückliche Knechte unter dem Gesetz befanden. Denn vom Gesetz freigemacht zu sein und sich dennoch in Röm. 7 zu befinden, ist eine Unmöglichkeit.“
Paulus fragt wirklich zu Recht: Wisst ihr nicht, liebe Brüder – denn ich rede mit denen, die das Gesetz kennen –, dass das Gesetz nur herrscht über den Menschen, solange er lebt?
Der Apostel redet zu denen, die das Gesetz kennen. Man kann wohl kaum sagen, dass die Menschen, die unter dem Gesetz leben, das Gesetz kennen. Ich glaube es nicht. Um die wirkliche Funktion des Gesetzes zu kennen, muss man sich schon durch es hindurchgekämpft haben und bis zum Ende des Gesetzes – zu Christus – gekommen sein. Möchte man mit solchen reden, die das Jahr 1908 kennen, so muss man mit solchen reden, die dieses Jahr durchlebt haben und in das Jahr 1909 hineingekommen sind.
Selbstverständlich schließen wir dann hieraus, dass Paulus zu freigemachten Seelen sprach, die mit Gottes Geist erfüllt waren.
Dass Paulus dies wirklich tut, sehen wir aus Röm. 7, 4: Also seid auch ihr, meine Brüder, dem Gesetz getötet durch den Leib Christi usw. Dann lesen wir weiter in Vers 6: Nun aber sind wir vom Gesetz frei geworden und ihm abgestorben, das uns gefangen hielt, sodass wir dienen im neuen Wesen des Geistes und nicht im alten Wesen des Buchstabens.
Bedenke nun:
1) Wir, Paulus und die Römer und alle in Römer 7 sind frei geworden vom Gesetz.
2) Wir sind dem abgestorben, das uns gefangen hielt.
3) Wir dienen im neuen Wesen des Geistes und nicht im alten Wesen des Buchstabens.
Wie passt nun all dies damit zusammen, dass es so ganz und gar unmöglich sein soll, vom Gesetz freigemacht zu sein und gleichzeitig in Röm. 7 zu sein?
Die Verse 14 und 15 scheinen uns vielleicht unter das Gesetz zu bringen. Denn wir (die wir infolge Vers 6 im neuen Wesen des Geistes dienen) wissen, dass das Gesetz geistlich ist; ich aber bin fleischlich, unter die Sünde verkauft. Denn ich weiß nicht, was ich tue. Denn ich tue nicht, was ich will; sondern, was ich hasse, das tue ich.
Plane einen ganzen Tag durch. Bestimme dich dazu, an diesem Tag nur Gutes zu tun. Ob du wohl am Abend hereingestürmt kommst – voller Jubel über all deine guten Werke? Ich glaube es nicht. Ich glaube dagegen, du wirst dich eher auf die Lippen beißen und sagen: Es ging überhaupt nicht, wie ich wollte.
Wenn es aber nicht so ging, wie du wolltest, dann tatest du ja das, was du nicht wolltest und wir begrüßen einander wieder in Röm. 7 und lesen gemeinsam Vers 17:
So tue nun nicht ich es, sondern die Sünde, die in mir wohnt. Das war doch merkwürdig, nun erst verstehen wir, wie durch und durch verdorben wir sind. Einen ganzen Tag lang versuchten wir mit den allerbesten Vorsätzen, Gutes zu tun, und dennoch taten wir das, was wir hassten. Und dann kann es nicht mehr meine Schuld sein, dass es so schlecht ging, sondern die der Sünde, die in mir wohnt, meine verdorbene Natur.
So überlegt Paulus durch das ganze Kapitel weiter, bis er am Ende ausruft: Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von diesem Todesleib?
Was ist nun dieser Todesleib? Das ist ganz einfach unser Leib, in dem das Gesetz der Sünde und des Todes seinen Sitz hat. Unsere Leiber werden älter mit den Jahren. Die Haare werden grau und fallen aus, die Zähne gehen kaputt und das Gesicht bekommt Falten, der Rücken wird krumm und die Beine schlecht. Der Gehstock muss her und das Ganze zeigt in Richtung Grab. Was ist es dann, was vom Gesetz der Sünde und des Todes freigemacht ist, fragst du. Das ist unser Geist, unser menschlicher Geist, den der zweite Adam, der zu einem lebendigmachenden Geist geworden ist, lebendig macht. 2. Kor. 4, 16: Darum lassen wir uns nicht entmutigen; sondern wenn auch unser äußerer Mensch zugrunde geht, so wird doch der innere Tag für Tag erneuert.
Da jetzt das Ganze von Gott so geordnet ist und man gegen seinen Willen nicht streiten kann, dankt Paulus Gott dafür, dass er dem Gesetz Gottes mit seiner Gesinnung dienen darf und dem Gesetz der Sünde mit seinem Fleisch.
Wir sind ja nicht ganz vollendet, weil wir Gottes Geist bekommen haben. Das ist ja nur der Anfang, denn eben dieser Geist wird uns in alle Wahrheit leiten. Alle Ermahnungen wären überflüssig, wenn wir vollkommen wären.
Aber es gibt jetzt keine Verdammnis mehr für uns, die wir in Christus Jesus sind, Röm. 8, 1. Wir haben jedoch trotzdem das Fleisch nach Röm. 8 mitgenommen. Denn wenn ihr nach dem Fleisch (diesem Leib des Todes, in dem die Sünde wohnt) lebt, dann werdet ihr sterben müssen, Röm. 8, 13.
Für dieses Mal ist zu diesem Thema vielleicht genug gesagt, aber ich fühlte, dass etwas gegen diese falsche Lehre gesagt werden musste, die zwischen Röm. 7 und Röm. 8 eine so große Trennung macht. Denn seit mir Gott seinen guten Heiligen Geist gegeben hat, ist diese Lehre mir zuwider gewesen. Und ich kenne eine Menge Menschen, die von sich gesagt haben, dass sie von Röm. 7 in Röm. 8 gekommen seien, die aber dennoch in Sünden fast aller Art endeten.
Lasst uns deshalb ein Bekenntnis führen, das zum Leben passen kann, denn „der Lehre“ nach freigemacht zu sein, ist eine Sache, aber in seinem praktischen Leben von der Sünde freigemacht zu sein, ist etwas ganz anderes.
Horten, den 19. Mai 1909
