Jesus als Hohepriester
„Denn jeder Hohepriester, der von den Menschen genommen wird, der wird eingesetzt für die Menschen zum Dienst vor Gott, damit er Gaben und Opfer darbringe für die Sünden.“ Hebr. 5, 1.
Wir müssen unterscheiden zwischen Jesus als Sühnopfer für unsere Sünden und Jesus als Hohepriester oder Mittler für einen Neuen Bund. Der Gottlose braucht Jesus als Sühnopfer für Sünde, während der Erlöste ihn als Hohepriester und Fürsprecher braucht.
Damit er nun Sühnopfer und Hohepriester werden konnte, musste Jesus gleichermaßen Fleisch und Blut annehmen wie die Kinder, die er erlösen sollte. Hebr. 2, 14. „Denn er nimmt sich ja nicht der Engel an, sondern der Kinder Abrahams nimmt er sich an.“ V. 16. Jesus musste in die Lebensbedingungen der Menschen hinuntergehen, um die Menschen erlösen zu können. Daher heißt es auch: „Der, als er in der Gestalt Gottes war, es nicht wie einen Raub festhielt, Gott gleich zu sein; sondern er entäußerte sich selbst, nahm die Gestalt eines Knechtes an und wurde wie die Menschen; und in seiner äußeren Erscheinung als ein Mensch erfunden, erniedrigte er sich selbst und wurde gehorsam bis zum Tod, ja bis zum Tod am Kreuz.“ Phil. 2, 6-8.
Auf der Erde gab es Hohepriester, die es aufgrund einer Gesetzesbestimmung, die auf fleischlicher Abstammung beruht, geworden sind. Da diese nun sterbliche Menschen waren, gab es mit der Zeit viele von ihnen. Doch Jesus, der durch den Heiligen Geist gezeugt worden war, hatte von Geburt an eine „Kraft unzerstörbaren Lebens“ in sich selbst. Dieses Leben war bis dahin nicht im Fleisch gewesen. Darum kam Jesus mit dem Himmelreich in sich selbst. Selbst Johannes der Täufer, der der Größte unter allen war, die von einer Frau geboren sind, hatte dieses Reich nicht in sich selbst, denn der Kleinste im Himmelreich war größer als er.
Die Kraft unzerstörbaren Lebens (Hebr. 7, 16) war in und mit Christus das erste Mal in das Fleisch gekommen, d. h. in einem menschlichen Leib offenbart. Solange Jesus hier auf der Erde lebte, war er der Einzige, der das Himmelreich in sich selbst hatte. Daher konnte er sagen: „Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen.“ Mit Hilfe der „Kraft des ewigen Lebens“ nahm Jesus nun den Kampf gegen die Versuchungen auf, die von dem Fleisch kamen, das er freiwillig angenommen hatte. Er sagte immer „Nein“ zu seinem Eigenen und „Ja“ zum Göttlichen. Die Kräfte, um das tun zu können, trug er in sich selbst. Es waren aber meistens harte und schwere Kämpfe; denn er hat Bitten und Flehen mit lautem Schreien und mit Tränen dem dargebracht, der ihn vom Tod erretten konnte. Er kämpfte nämlich in den Tagen seines Fleisches gegen alle Forderungen aus dem menschlichen Fleisch und gewann einen so gründlichen Sieg, dass sogar sein Fleisch mit Hoffnung ruhen konnte. Apg. 2, 26. Seine Seele wurde im Totenreich nicht verlassen, auch sein Fleisch hat die Verwesung nicht gesehen. Jesus ist also der Einzige, der einen vollkommenen Sieg über alle Forderungen des Fleisches, über alle Versuchungen und alle Sünde errungen hat. Das war für ihn durch die Kraft des ewigen Lebens möglich.
Jesus trug das Erbe in sich selbst. Dieses Erbe sollte den Kindern überlassen werden, doch das Testament wurde erst nach seinem Tod gültig, da es keine Gültigkeit hatte, während er lebte. Daher war es gut für uns, dass Jesus wegging, sodass der Fürsprecher, der Heilige Geist, kommen konnte. Am Pfingsttag sandte er den Geist so kräftig, dass dieser brauste wie ein gewaltiger Wind, der das ganze Haus erfüllte, in dem die Jünger versammelt waren. Apg. 2, 2.
In den Tagen seines Fleisches hatte Jesus diesen Geist in sich selbst und opferte sich selbst in der Kraft eines ewigen Geistes. Er ging durch Prüfungen und Leiden aller Art. Hebr. 4, 15. Jesus musste Fleisch und Blut annehmen, um in gleicher Weise wie wir versucht und geprüft werden zu können und um uns in unseren Prüfungen helfen zu können. Die Schrift bezeugt das umfassend. Hebr. 2, 16-18; Phil. 2, 6-8; Röm. 8, 3; Hebr. 10, 5. In den Tagen seines Fleisches hier unten auf der Erde wurde Jesus als Hohepriester nach der Ordnung Melchisedeks ausgebildet. Die Leiden waren ausschlaggebend dafür, dass er vollendet wurde. Jesus litt, als er versucht wurde. Ein jeder aber wird versucht, wenn er von seiner eigenen Lust gereizt und gelockt wird – die vom Fleisch kommt. Doch nun ist die Sache die, dass Jesus sich selbst in der Kraft eines ewigen Geistes überwand. Er starb sein ganzes Leben hindurch dem Fleisch ab. Er gab seinen Leib als ein Opfer hin, das lebendig und Gott wohlgefällig war, wozu nun auch wir ermahnt werden. Röm. 12, 1. Zu Jesu Ausbildung zum Hohepriester wäre noch viel zu sagen, sagt der Verfasser des Hebräerbriefes, aber es ist schwer, weil ihr so harthörig geworden seid. Hebr. 5, 11-14. Das Geheimnis „Christus geoffenbart im Fleisch, gerechtfertigt im Geist, erschienen den Engeln“ nach der Auferstehung steht in engstem Zusammenhang mit Jesu Ausbildung zum Hohepriester. Aber ebenso, wie jeder Hohepriester aus den Menschen genommen wird und für Menschen zum Dienst vor Gott eingesetzt wird, Hebr. 5, 1, war es auch notwendig, dass unser himmlischer Hohepriester aus den Menschen genommen wurde. Wenn man aber nicht Fleisch und Blut hat wie ein Mensch, dann ist man überhaupt kein Mensch. Und wenn man nicht versucht werden kann, dann ist man kein Mensch. Aber gelobt sei Gott, wir haben einen Hohepriester, der in allem, d. h. in allen möglichen Arten von Versuchungen, geprüft wurde – ohne zu sündigen. Das heißt, er besiegte seinen Eigenwillen und die Versuchungen von dem Fleisch, das er angenommen hatte, so vollständig und so rein, dass er während der Versuchung auf alle Weise ohne Sünde oder Makel war. Das kann von uns in unseren Versuchungen nicht immer gesagt werden, daher wird es in Bezug auf Jesus besonders hervorgehoben.
„Denn das (mosaische) Gesetz bestellt zu Hohepriestern Menschen, die mit Schwachheit behaftet sind; das Wort des Eidschwurs dagegen, der erst nach dem Gesetz erfolgt ist, setzt einen (oder: den) Sohn ein, der für die Ewigkeit vollendet ist.“ (Menge-Übers.) „Denn damit wird das frühere Gebot aufgehoben.“ Hebr. 7, 18 und 28.
Wenn es heißt, „der vollendet worden ist“, dann muss man verstehen, dass es in den Tagen seines Fleisches eine Zeit gab, in der er nicht vollendet war. Darum heißt es auch, dass es Gott gefiel, den Urheber unseres Heils durch Leiden zu vollenden.
Aus demselben Grund wird auch zu uns gesagt, dass wir mit ihm zur Herrlichkeit erhoben werden, wenn wir mit ihm leiden. Die Leiden kommen unweigerlich, wenn wir unser Leben nach dem Wort Gottes ausrichten. Wenn wir Gottesfurcht mit Genügsamkeit in die Tat umsetzen und wählen zu leiden, anstatt in allerlei Arten von Versuchungen zu sündigen, dann leiden wir mit ihm. Während dieser so eingehenden Prüfungen unserer Gottesfurcht ist Jesus unser treuer Hohepriester und Fürsprecher.
Wenn auch manche diese gesegneten Wahrheiten nicht verstehen, so sind diese doch für jeden, der glaubt, unverändert kostbar und wertvoll. Und für mich sind diese Worte Gottes über Jesus als Hohepriester und Fürsprecher zu unschätzbarem Nutzen, Trost und Segen geworden.
Die Sache ist aber die, dass Jesus als Hohepriester erst dann in Wirksamkeit treten kann, nachdem ein Tod zur Erlösung von den Sünden stattgefunden hat, die unter dem ersten Bund begangen wurden. Hebr. 9, 15. Erst dann bekommen wir das ewige Erbe, das uns verheißen war, zu schmecken. Solange man sich aber noch nicht für mit Christus gestorben hält, kann man auch sein Leben nicht ergreifen. Seine Worte aber sind Geist und Leben.
Die Ursache dafür, dass Jesus als Hohepriester so wenig bekannt ist, liegt darin, dass man meistens nur für Jesus als Sühnopfer Gebrauch hat für Sünden, in denen man täglich lebt und für die man um Vergebung bitten muss. Ein „mit Christus gekreuzigtes“ Leben hingegen offenbart ihn als Hohepriester. Alles kommt von dem Leben, das wir leben; denn das Leben ist das Licht der Menschen.
