Gesammelte Schriften Band 3 • 1918 - 1923

Skjulte Skatter 1919-11 - Der Epheserbrief

Gesammelte Schriften Band 3 • 1918 - 1923

Der Epheserbrief

3. Kapitel

Die Einsicht des Apostels in das Geheimnis Christi – Paulus als Gefangener

Deshalb beuge ich meine Knie, ich, Paulus, der Gefangene Christi Jesu für euch Heiden V. 1.

In tiefer Bewunderung darüber, was Gott für die Heiden getan hat, beugt Paulus seine Knie und dankt Gott aus tiefster Seele für das, was Er für diese armen Menschen getan hat, die Generation um Generation in Finsternis und Unwissenheit gelebt hatten. Soeben hatte er ihnen vor Augen gemalt, dass sie durch Einpfropfen in den Leib zu denselben Anrechten wie die Juden gelangt waren.

Er, der hinauffuhr in die Höhe, den Menschen Gaben gab und Gefangene wegführte, hatte auch Paulus gefangen und ihn als Apostel der Heiden eingesetzt. Paulus fühlte sich als Gefangener für die Heiden. Er war im Geist an die Wahrheiten gebunden, die besonders die Heiden betrafen. Gottes Geist stellte ihm das klar vor Augen und führte ihn zu Offenbarungen, die Christi Werk für die Heiden so gründlich entschleierten, dass deren Glaube zu einer völligen Gewissheit im Verständnis von Dingen wurde, die in früheren Zeiten verborgen gewesen waren.

Hast du den Dienst eines Hirten oder eines Lehrers und liebst du die Schafe und Lämmer, die Gott dir zu hüten gegeben hat, dann wirst auch du um ihretwillen als ein Gefangener Jesu Christi im Geist gebunden sein. Du wirst um ihretwillen eingeschränkt, ebenso wie eine gute Mutter um ihrer Kinder willen wie eine Gefangene eingeschränkt ist.

Wenn ein Mann das Wort predigt und Kinder in Christus zeugt und sie danach verlässt, als ob sie ihn nichts angingen, ist er ebenso hart und gefühllos wie eine Mutter, die ihr Stillkind verlässt.

Die Liebe Jesu Christi dringt uns, um der Lämmer willen die Stellung eines Gefangenen Jesu Christi einzunehmen – eine gesegnete Stellung – und glückliche Kinder, die durch Glauben von so gewissenhaften Werkzeugen Gottes gezeugt werden.

Ich habe viele Beispiele gesehen, wie das Evangelium gepredigt worden ist und Sünder errettet worden sind. Die Augen der jungen Menschen haben vor Freude gestrahlt. Aber dann passiert beinahe immer das Traurige, dass der Prediger seines Weges zieht und seine Kinder ebenso unbarmherzig verlässt, wie die Straußin ihre Eier im heißen Wüstensand verlässt.

Das darf auf gar keinen Fall unter uns so sein. Wir sollen die Lämmer hüten, bis sie Schafe werden, danach sollen wir weiterhin Fürsorge für sie haben. Lasst uns Gott um die Gesinnung bitten, dass wir ihretwegen Gefangene Jesu Christi werden. Man kann fast sagen, dass, den Sündern das Wort zu predigen, nur der ehrenvolle Teil der Arbeit ist. Der mühseligere und weniger sichtbare Dienst mit der Erziehung, mit der ständigen Fürsorge folgt danach.

So kann die Aufgabe einer Mutter wenig beachtet sein, was sie aber Stunde für Stunde, die ganze Kindheit und Jugendzeit hindurch in die Herzen der Kinder pflanzt, sitzt wie Nägel und bildet den Grund/ das Fundament für das spätere Leben.

Die Haushaltung mit der Gnade

Ihr habt ja gewiss von der Haushalterschaft der Gnade Gottes gehört, die mir für euch gegeben worden ist.“ V. 2.

Wer hat wohl jemals etwas von einer Haushaltung mit der Gnade gehört? Wir haben viel von der Gnade gehört, dass es aber einem Menschen gegeben war, eine ganze Haushaltung mit ihr zu führen, davon haben wir nie etwas vernommen. Und dennoch ist es so.

Wenn Paulus den Ephesern Christus als den Gekreuzigten vor die Augen malte, dann tat er es infolge einer Haushaltung mit der Gnade. Wenn er ihre inneren Herzensaugen zum Geheimnis „Christus geoffenbart im Fleisch“ hinleitete, dann tat er dies alles ganz bewusst innerhalb der Haushaltung, die ihm in der Gnade gegeben war. Wenn er zurechtwies und ermahnte, wenn er den Bösen von ihnen vertrieb, wenn er die Gebeugten tröstete und die Aufgeblasenen demütigte, dann tat er dies alles innerhalb der Haushaltung mit der Gnade, die ihm anvertraut war.

Indem Paulus sein Herz hingegeben hatte, ein Gefangener Jesu Christi um der Epheser willen zu sein, hatte er in den Banden, mit denen er sich selbst gebunden hielt, eine so große Macht, dass er ohne Weiteres binden und lösen, trösten und zurechtweisen konnte, wo es angebracht war. Und alle mussten die Hand auf den Mund legen; denn sie verstanden, dass ihn die Liebe Christi drängte.

Paulus kannte seine Haushaltung, er war sich seines Dienstes und seiner Verantwortung voll und ganz bewusst. Aber nun sagt er: „Ihr habt ja gewiss von der Haushalterschaft der Gnade Gottes gehört, die mir für euch gegeben worden ist.“

Hätten die Heiden von dem gehört und gewusst, wovon Paulus im Hinblick auf seine Haushaltung wusste, dann wären sie ihm voller Verständnis und Vertrautheit begegnet. Die Geheimnisse in Christus wären dadurch klarer hervorgekommen. Der Geist Satans in der Gestalt von Korah, Bileam und Kain wäre weit weg gewesen. Die Herzen der Väter wären an die Kinder und die Herzen der Kinder an die Väter gebunden worden. Ein gutes Verhältnis zwischen den Aposteln und der übrigen Gemeinde wäre nicht zuletzt zum Nutzen der Gemeinde. Denn um ihretwillen arbeiteten ja die Apostel Tag und Nacht. Um ihretwillen litten sie unsägliche Leiden in ihrem Fleisch, damit Gottes Wort zuerst an ihnen erfüllt werden konnte, so dass sie dadurch andere mit dem Trost trösten konnten, mit dem sie selbst in all ihrer Trübsal getröstet worden waren.

Josua, der Sohn Nuns, ein junger Mann, diente Mose von seiner Jugend an und wich nicht vom Zelt. 2. Mos. 33, 11. Er verstand, dass Gott von Angesicht zu Angesicht mit Mose redete, und dass er sich dort aufhielt, wo man etwas lernen konnte, zeigt, dass er verständig war.

Als Mose alt geworden war, sprach der Herr zu ihm: „Nimm dir Josua, den Sohn Nuns, einen Mann, in dem der Geist ist, und lege deine Hand auf ihn; und stelle ihn vor Eleasar, den Priester, und vor die ganze Gemeinde und gib ihm Befehl vor ihren Augen. Und lege von deiner Hoheit auf ihn, damit die ganze Gemeinde der Kinder Israels ihm gehorsam ist.“ 4. Mos. 27, 18-20.

Gott hatte diesen Josua, den Sohn Nuns, genau im Auge behalten. Er sah, wie treu Josua an Mose hing und wie eifrig er für ihn war. Er hatte gesehen, wie beugsam und fügsam seine Gesinnung im Hinblick auf seine eigene Ausbildung im Geist war, wie gehorsam er der Haushaltung war, die Mose zu verwalten hatte.

Als nun Moses Lebenszeit erfüllt war, stand der junge Josua, der Sohn Nuns, fertig ausgebildet bereit, seine Aufgabe zu übernehmen.

Gott ehrte ihn vor den Augen aller, damit sie Josua glauben und gehorchen sollten, so wie sie Mose gehorcht hatten.

Josua, der Sohn Nuns, ist ein leuchtendes Vorbild für die Gemeinde. Er verstand Moses Haushaltung und achtete diese hoch, darum wurde er auch selbst als Haushalter eingesetzt.

Auf dieselbe Weise wünschte nun Paulus, dass die Epheser seine Haushaltung der Gnade mit ihnen verstehen würden.

Wie viele könnten doch vermeiden, Schaden zu nehmen, wenn sie ihren Platz im Leib und die Gnadenhaushaltung, deren Gegenstand sie waren, verstünden.

Paulus hatte zuvor in Kürze über das Geheimnis geschrieben, dass die Feindschaft in Christi Fleisch abgebrochen wurde, und zu Recht können wir sagen „in Kürze“, denn unzählige Bücher wären nicht in der Lage, dieses gewaltige Werk zufriedenstellend zu beschreiben – selbst wenn sie von Männern geschrieben würden, die in der Schule des Geistes gründlich unterwiesen sind.

Jesus Christus ist „der Weg“. Auf diesem Weg befinden sich die Brüder. Alle müssen ihre spezielle Behandlung bekommen, keiner darf pauschal behandelt werden. Paulus ermahnte jeden einzelnen mit Tränen, alles innerhalb der Haushaltung der Gnade. Er hat niemanden übervorteilt; er hat niemanden geschädigt. Sein Dienst für die anderen und mit den anderen war immer von Gnade begleitet. War er streng und gebrauchte er das Messer der Beschneidung, dann verstanden sie, dass der liebe alte Paulus dies in seiner großen Liebe zu ihnen tat, um sie tiefer in das Leben hineinzuführen.

Man kann unmöglich jeden einzelnen von einer Kanzel aus bedienen. Ein Hirte muss seine Schafe mit Namen kennen. Er muss wissen, wie es bei ihnen im Innersten aussieht. Darum muss er mit ihnen sprechen und mit ihnen in Verbindung stehen.

Das vermag aber der nicht, der seine eigene Ehre sucht, der Gewinn sucht. Solche müssen auf die Kanzel und viele Menschen ansammeln, um durch sie wiederum große Kollekten zu bekommen. Wenn es auch nicht immer so ist, so ist es doch recht oft der Fall. Wir haben ja auch viele Beispiele dafür, dass Gott Männer von der Kanzel aus zu großem Segen und zur Bekehrung Tausender gebraucht hat. Das Herz und die Gesinnung sind entscheidend. Wer das Große sucht, erreicht es selten, denn er übersieht dabei das Kleine und die Geringen. Der Hirte muss hinab in die Schafherde, während der Evangelist es fertigbringen kann, auf der Kanzel zu bleiben. Paulus hatte den Geist der Offenbarung in der Erkenntnis Gottes. Mit seiner Erkenntnis und seiner Einsicht umgab er die Epheser von allen Seiten. Er war ein Hirtenstab für sie, wo sie versuchten, außerhalb der Gesetze des Geistes etwas zu erreichen. Er war ein vortrefflicher Freund und Wegleiter, doch es bedeutete Tod und Untergang, als sein Widersacher auftreten zu wollen. Sie besaßen nichts, was sie nicht durch ihn empfangen hatten, und er wusste, wo alle ihre äußersten Begrenzungen lagen. Er hatte sie in Christus Jesus gezeugt, er liebte sie und war von Gott damit beauftragt, sie zu hüten. Krieg gegen die Liebe ist Krieg gegen Gott, wer kann das tun, ohne zunichtegemacht zu werden?

Offenbarungen bringen Leiden

Durch Offenbarung ist mir das Geheimnis kundgemacht worden, wie ich eben aufs kürzeste geschrieben habe.“ V. 3.

Offenbarungen kommen durch Brechungen des Lichts im Leib hervor. Das Licht wird von einem treuen Mithelfer begleitet, dessen Name „Gericht“ ist. Diese beiden zusammen tun Wunderwerke, wenn sie in ein Menschenherz hineinkommen.

Stehe still und betrachte das, was Gott in deinem Innern beleuchtet, und du wirst den Herrn „Gericht“ an deiner Seite erblicken. Willst du Offenbarungen haben, so verschließe deine Augen nicht vor dem, worauf „das Gericht“ zeigt, sondern stehe still, beiß die Zähne zusammen – halte aus – sieh genau und ausdauernd hin. Wende dich danach mit einer tiefen Verneigung dem Herrn „Gericht“ zu und gib ihm in deinem Herzen recht. Wenn das geschieht, wird dich das Gericht verlassen und ein anderer Herr, „die Gerechtigkeit“ kommt und nimmt für ewig Wohnung in deinem Herzen. Danach kannst du hingehen und berichten, was das Licht beleuchtete, was das Gericht verdammte und was die Gerechtigkeit besiegelte.

Dies sind Offenbarungen

Paulus war am achten Tag beschnitten worden. Nun beleuchtete Gottes Licht seine Werke als Verfolger der Gemeinde Gottes, das Gericht verdammte ihn, so dass ihm seine Beschneidung zur Vorhaut wurde. In seinen eigenen Augen kam er ganz auf die Ebene der Heiden herunter, ein Ort, an dem er in den Augen Gottes schon lange gewesen war. Er rühmte sich von nun an nicht mehr seiner Beschneidung.

Er war aus dem Volk Israel, vom Stamm Benjamin, ein Hebräer von Hebräern. Er war ein Pharisäer und nach dem Gesetz untadelig.

Als Gottes Licht ihn auf dem Weg nach Damaskus traf und er blind wurde und nach jemandem tastete, der ihn an die Hand nehmen konnte, fühlte er, dass die Verwandtschaft nach dem Fleisch nicht ausreichte. Er wurde ebenso elend in seinen eigenen Augen, wie zuvor die Heiden in seinen Augen verachtet waren.

Gott gab Paulus viele und große Offenbarungen, aber gleichzeitig zeigte er Paulus auch, wieviel dieser um seines Namens willen leiden würde.

Glaube nur nicht, dass der Geist der Offenbarung in der Erkenntnis Gottes für das Fleisch angenehm ist und dir auf menschliche Weise viel Ehre bringt.

Einsicht

Daran könnt ihr, wenn ihr’s lest, meine Einsicht in das Geheimnis Christi erkennen.“ V. 4.

Die Einsicht ist der Vorläufer der Erkenntnis, ebenso wie die Erkenntnis ein Vorläufer der Weisheit ist. Die Einsicht benützt alle Daten innerhalb der Erkenntnis und der Weisheit, um von da aus weiter zu forschen. Die Einsicht ist die Erste, die die Offenbarung willkommen heißt. Die Offenbarung fügt sich gesetzmäßig zu der Erkenntnis Gottes hinzu, die früher durch Offenbarung erworben wurde.

Die Einsicht ist aufs Neue unterwegs – immer tiefer und tiefer hinein in die Erkenntnis Gottes.

In das, was dem Apostel als Erkenntnis Gottes offen vor Augen lag, konnten die Epheser Einsicht bekommen, als sie dazu angehalten wurden, ihren Blick darauf zu richten. Darum nennt er auch, was sie im Geist erblickten, seine Einsicht in das Geheimnis Christi.

Christi Geheimnis früher und jetzt

Dies war in früheren Zeiten den Menschenkindern nicht kundgemacht, wie es jetzt offenbart ist seinen heiligen Aposteln und Propheten durch den Geist.“ V. 5.

Für die früheren Propheten war es unmöglich, Christi Geheimnisse in dem Maß zu verstehen, wie sie nun durch den Geist Paulus geoffenbart wurden. Zwar bezeugte der Geist Christi, der in ihnen war, die Leiden, die über Christus kommen sollten, und die Herrlichkeit danach, 1. Petr. 1, 11, aber der Geist allein ohne das Blut konnte dem Menschen unmöglich zu einem so eingehenden Verständnis dieses Werks verhelfen, wie er es nun für den Apostel tun konnte, der selbst litt und im Blut in dem Maß gereinigt wurde, wie seine Offenbarungen über das Geheimnis zunahmen.

Als die alten Propheten lebten, hatte der Geist den Weg durch das Fleisch noch nicht gebahnt. Anstatt über das Blut und zusammen mit dem Blut Zeugnis zu geben, musste der Geist von der Sünde im Fleisch Zeugnis geben, die die Ursache dafür war, dass das Gesetz nicht gehalten wurde, da die Kraft der Sünde das Fleisch unfähig zum Guten machte.

Die alten Propheten verstanden, dass Christus leiden und sterben musste, um die Sünde im Fleisch zunichte machen zu können.

Paulus hatte das Vorrecht, dass er nun, da der Geist gesandt war, mit Christus auf dem neuen und lebendigen Weg durch den Vorhang, sein Fleisch, wandeln konnte.