Tust du, was du hassest?
In „Korsets Seir“ (Sieg des Kreuzes) vom 1. April diesen Jahres kann man lesen:
Wenn wir vollkommen wären wie Christus in der Herrlichkeit oder wie Gott in Ewigkeit, dann wäre es unmöglich, Dinge zu tun, die man später hassen müsste. Aber sind wir nun so vollkommen? Wenn wir das wären, müsste auch die Gemeinschaft wie ein harmonisches Ganzes funktionieren. Aber ist das der Fall? Nein, es zeigt sich, dass man, selbst nachdem man die Geistestaufe und die Gabe der Zungenrede bekommen hat, in Parteiungen leben kann. Dies wiederum zeigt, dass man nicht auf den Geist hört, dessen Aufgabe es ist, uns in alle Wahrheit zu leiten. Doch man lässt die Lüste in den Gliedern wirksam sein (Jak. 4, 1), sodass Parteiungen entstehen, die gemäß Gal. 5, 19-20 zu den „Werken des Fleisches“, d. h. zu den „sündigen Werken“, gerechnet werden, die zusammen mit Unzucht, Unreinheit, Zügellosigkeit, Götzendienst, Zauberei, Feindschaft, Streit, Eifersucht, usw. aufgezählt werden. Wäre es nicht gut, wenn man die Ursachen dafür, dass Parteiungen entstehen, hassen und davon ablassen könnte? Wenn alle einander im Dienen zuvorkämen und einander darin überträfen, könnten unmöglich Parteiungen entstehen; aber wenn der eine über den anderen herrschen will, dann entstehen Parteiungen. Deshalb haben wir das Kreuz, damit man daran all das töten kann, was sich auf eigenmächtige Weise erheben will.
Wenn ein Kind etwas Verkehrtes getan hat und sein ganzes Wesen davon zeugt, dass es hasst, was es getan hat, können die Eltern ein solches Kind dann mit gutem Gewissen züchtigen? Nein. Die Zucht ist dazu da, ein Einsehen zu bewirken. Aber wenn das Kind sein schlechtes Werk schon hasst, dann zeigt dies, dass die Zucht bereits wirksam und das Kind schon einsichtig ist. Wirkt der Hass in diesem Fall so, dass man sich noch fester an die Sünde bindet, oder wirkt er trennend von der Sünde? Gott sei gedankt – er wirkt trennend. Oder bindet man sich an den, den man hasst? Oder ist es nicht so, dass der, der den Hass in seinem Herzen trägt, ein Totschläger ist? Ja, ohne dass wir auch unser eigenes Leben in dieser Welt hassen, können wir nicht seine Jünger sein. Der Hass gegen das eigene Leben tötet den Egoismus. Und der Hass gegen selbsterwählte Werke tötet diese. Ja, sagen manche, aber die Gerechtigkeit, vom Gesetz gefordert, soll ja in uns erfüllt werden, die wir nicht nach dem Fleisch wandeln, sondern nach dem Geist. Röm. 8, 4. Wie kann man dann tun, was man hasst? Wäre dies nicht Knechtschaft?
Beachte: „Die Gerechtigkeit, vom Gesetz gefordert“. Was ist die Forderung des Gesetzes und wie weit reicht sie? Wenn die Forderung des Gesetzes Gerechtigkeit bringen könnte, dann wäre der Glaube überflüssig. Gal. 3, 11. Durch die Forderung des Gesetzes wird man nur verwahrt, sie ist ein Schutz um der Übertretungen willen. Gal. 3, 23.
Nun dagegen – in Christus – sind wir in ein tieferes Reinigungsverhältnis hineingekommen – ein Verhältnis, wohin die Forderung des Gesetzes niemals gelangen konnte.
Das Gesetz fordert nicht mehr, als dass man nicht ehebrechen soll; aber das Gesetz des Geistes fordert, dass man nicht einmal eine Frau ansehen soll, um sie zu begehren.
Wir schließen also hieraus, dass bei uns Dinge existieren, die man hassen und richten muss – sogar innerhalb des Horizontes, in dem die Forderung des Gesetzes vollkommen erfüllt wird.
Die Übertretung der „Forderung des Gesetzes“ ist das, was Verdammnis bringt; aber wenn ich mein eigenes Leben in dieser Welt auf den Gebieten hasse, zu denen „das Gesetz“ keinen Zugang hat, dann zeigt dies ja, dass wir mit Christus an dem Anteil bekommen haben, was dem Gesetz unmöglich war, weil es durch das Fleisch geschwächt war. Röm. 8, 3.
Aufmerksamkeit und Liebe zur Wahrheit werden uns zur Selbsterkenntnis bringen, und in dieser werden wir im Licht des Geistes – innerhalb der Reichweite der Forderung des Gesetzes – einiges finden, das durch den Geist getötet werden soll; denn wenn ihr durch den Geist die Taten des Leibes tötet, so werdet ihr leben. Röm. 8, 13.
Es gibt also Werke zu töten bei dem, der den Geist bekommen hat; denn wie könnte man sie durch den Geist töten, wenn man keinen Geist hätte? Wenn man aber solche Werke durch den Geist töten soll, ist es dann etwas Verwunderliches, wenn man sie durch denselben Geist zuerst hasst?
Wer dieses Leben lebt, bekommt richtig Bedarf für das Blut Christi; denn das Blut (das Opfer) wird das Gewissen reinigen und von toten Werken befreien.
Wir schließen hieraus:
